Das Konzerthausorchester mit Bachs h-Moll-Messe : Jubel am Abgrund

Breitwandsound ist passé: Iván Fischer, das Konzerthausorchester und das Vocalconsort Berlin mit Bachs h-Moll-Messe.

Arno Makowsky
Vocalconsort Berlin Foto: Hans Scherhaufer
Vocalconsort BerlinFoto: Hans Scherhaufer

Kein Zweifel, es ist ein Werk für die Vorweihnachtszeit, der Soundtrack für den Überschwang der Gefühle: Wenn das Glanzvolle der kommenden Tage uns gefangen nimmt und gleichzeitig das Ungewisse, das Drohende des neuen Jahres schon am Horizont steht. Die h-Moll-Messe, Bachs vielleicht gewaltigste Komposition, reißt uns hinein in eine Welt, in der es um nichts weniger geht als um Tod, Hoffnung und Glück.

Iván Fischer und sein Konzerthausorchester arbeiten diese Kontraste, den Wechsel zwischen Abgrund und Jubel brillant heraus. Schon die kluge Platzierung der Chöre auf fünf verschiedenen Ebenen verrät das Konzept dieser Aufführung: Keine Spur vom Breitwandsound vergangener Bach-Tage, gefragt ist genaueste Differenzierung der Stimmen.

Der Beginn, das Kyrie: Gedeckt ist der Ton, zurückgenommen und düster. Fischer modelliert mit knappen, runden Bewegungen, bremst eher, als dass er fordert – den Musikern und vor allem dem Chor gelingt damit eine Zartheit des Klangs, die beinahe magisch das Konzerthaus erfüllt.

Und dann: Kompletter Stimmungswechsel! Gloria in excelsis Deo – jetzt geht’s um Lob und Preis und Verherrlichung; die Trompeten schmettern, die Pauke wummert fröhlich – das hat was von „Jauchzet, frohlocket“ aus dem Weihnachtsoratorium. Iván Fischer ist plötzlich ganz der Dynamiker, seine Körperspannung lenkt Streicher und Bläser in Richtung Übermut. Und schließlich, in Credo und Sanctus: Beeindruckend, wie Momente der Innerlichkeit sich auflösen in plötzlicher Weite des Klangs.

Die Perfektion dieser Aufführung beruht in erster Linie nicht auf den (großen) Fähigkeiten der Solisten, sondern auf jenen des Chors, des Vokalconsorts Berlin. Womit jede – auch ambitionierte – Laientruppe überfordert wäre, gelingt diesen Gesangsprofis: Leichtigkeit und Eleganz in den vielen anspruchsvollen, oft schnellen Chorsätzen. Immer wieder stellt der Dirigent die Sänger um und erzeugt damit neue akustische Stimmungen. Am Ende stehen sie vor dem Orchester, in einer Reihe am Bühnenrand: Dona nobis pacem, gib uns Frieden. Kein schlechtes Konzept für die kommenden Weihnachtstage.

Eine weitere Aufführung am heutigen Samstag um 20 Uhr im Rahmen des Bach-Marathons im Konzerthaus. Weitere Infos unter www.konzerthaus.de

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