Kultur : Das Kreuzberger Gesetz

böt

Dass Kreuzberg durch die Novemberrevolution 1918 / 19 entstanden ist, gehört zu den Mythen, die den Alltag in diesem Stadtteil so unerschöpflich machen. Schon im ersten Satz des "Kreuzbergbuchs", das jetzt erschienen ist, im mit einem hübschen Signet in Penck-Manier prunkenden "Verbrecher Verlag", wird darauf hingewiesen. Und auch der Satzspiegel des handlichen Büchleins, der die Wörter und Zeilen manchmal arg quetschen muss, um einigermaßen über die Runden zu kommen, gehorcht dem bekannten Kreuzberger Gesetz von Improvisation und Selbstironie. Es wurde in jenem goldenen Jahrzehnt erarbeitet, von dem alles herrührt: ein Zeitraum irgendwann zwischen den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, der in der Geschichtsschreibung wohl als der einzige gehandelt werden wird, der den goldenen zwanziger Jahren das Wasser reichen kann.

Es gibt allerlei Texte und Zeichnungen (die hier abgebildeten sind von Jim Avignon), in denen die spezifische Kreuzberg-Atmosphäre, die an einzelnen Stellen bis in unsere Tage herüberreicht, in ihrer ganzen Eigentümlichkeit erfasst wird: Erlebniserzählungen verschiedenster Couleur, essayistische Anflüge, Streifzüge durch Biotope, Sprachschulen, Kneipeninterieurs. Und auch der Platz am Kottbusser Tor, vor dem "NKZ" ("Neues Kreuzberger Zentrum"), das die urbanen Gepflogenheiten der siebziger Jahre so schön überspitzt und zum architektonischen Symbol gemacht hat, taucht immer mal wieder auf: ein Ort, von dem "man sagen kann, dort befindet man sich nicht in Deutschland", wie Berlins damaliger Innensenator Jörg Schönbohm im Juni 1998 feststellte. Wer die Geschichten, die hier im Jahr 2001 zusammengetragen wurden, gelesen hat, muss zwangsläufig zur Erkenntnis kommen: Ja, das stimmt. Und das scheint noch eine ganze Weile so weiterzugehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar