Kultur : Das kühle Auge

Zum Tod des Schriftstellers Julien Gracq

Gregor Dotzauer

Mit dem Erzählen hatte er seit einer halben Ewigkeit abgeschlossen. Von den großen mythologischen Zusammenhängen, wie er sie – unter der begeisterten Zustimmung des surrealistischen Zeremonienmeisters André Breton – noch 1938 in seinem Debütroman „Auf Schloss Argol“ entwickelte, wollte er der literarischen Form nach in den sechziger Jahren nichts mehr wissen. Julien Gracq empfand ein Unbehagen, „dass in einem Roman alles für immer zusammen ist: Personen, Tiere, Wolken, Gesprächsfetzen, Winkel von Landschaften, alles das wird in einen kompakten Block von 200 000 Wörtern eingeschmolzen wie in ein Sulfid – die Zeit und die zeitlichen Abstände haben jede Elastizität eingebüßt.“

In seinen kurzen Prosastücken, die seitdem in unüberschaubarer Zahl entstanden, pflückte er diese romanhaften Elemente wieder auseinander und versuchte sich an einem Denken in Bildern, das in der französischen Literatur bis heute einzigartig ist. Gracqs so klare wie verrätselte Texte (in den letzten Jahren unter Titeln wie „Lettrinen“ und „Witterungen“ im Grazer Droschl Verlag erschienen) sind, wie es einmal hieß, „nicht leicht zugänglich, und gegen ein Übermaß an Vertrautheit zunächst durch verschiedene magische und emblematische Figuren geschützt, Figuren, wie sie die Alten auf ihren Türschwellen einzugravieren pflegten, dann aber auch durch das Einschalten einer gewissen, ziemlich kühlen Distanz“. Das hatte er selbst über die Begegnung mit Ernst Jüngers Erzählung „Auf den Marmorklippen“ zu Ende des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Eine Lektüre, die ihn für immer verwandelte und auch das Band einer persönlichen Freundschaft knüpfte, die viel über beider Stellung in ihren Nationalliteraturen aussagt.

Gracq, 1910 als Louis Poirier in der Nähe von Angers an der Loire geboren, blieb wie Jünger ein viel bewunderter Außenseiter. Er suchte nie die große öffentliche Gunst, ja, als er für seinen Roman „Das Ufer der Syrten“ 1951 den Prix Goncourt erhalten sollte, schlug er ihn wie angekündigt aus. Geistige Unabhängigkeit ging ihm über alles, er suchte ihre Grundlagen auch in der deutschen Kultur. Von der Romantik Caspar David Friedrichs, Friedrich Schlegels und Novalis’ schlug er mühelos einen Bogen zum französischen Surrealismus und von da zurück zu Richard Wagner, dessen „Parsifal“ für den Abiturienten ein Erweckungserlebnis war. Am Samstag ist Gracq mit 97 Jahren in seinem Geburtsort Saint-Florent-le-Vieil gestorben. Gregor Dotzauer

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