Kultur : Das Kunst-Stuntgirl

Monica Bonvicini provoziert mit ihren Installationen. In den Hamburger Bahnhof hängt sie Sex-Schaukeln

Nicola Kuhn

Lustig wirken sie, wie sie von der Decke baumeln, harmlos, wie Schaukeln eben aussehen. Wären da nicht diese merkwürdigen Materialien, Ketten, Latex, Lederriemen: Requisiten des Sado-Maso-Milieus. Diese Spielgeräte stammen kaum vom Kinderspielplatz, so viel steht fest, aus einem darkroom allerdings ebenso wenig. Nein, diese Schaukeln sind fürs Museum bestimmt, auf seine Weise ebenfalls ein Spielplatz für Erwachsene. Monica Bonvicini freut sich auf die Irritationen, die ihre Installation „Niemals/Wieder“ im Hamburger Bahnhof auslösen werden, wo jetzt die Nominierten für den Preis der Neuen Nationalgalerie zu sehen sind.

Eigentlich wollte die Berliner Bildhauerin ihre „Höllenleiter“ von der jüngsten Istanbul-Biennale beim Preis der Neuen Nationalgalerie für junge Kunst in abgewandelter Form präsentieren. Zu teuer, wurde ihr beschieden. Da erinnerte sich die Künstlerin ihrer Installation „Waren-Fetischismus“, bei der vor vier Jahren schon einmal Schaukeln zum Einsatz kamen. Das hat der Hamburger Bahnhof nun davon: keine elegante Installation aus Stahl und Glas, sondern ein Skandalon. Dabei hofft die Künstlerin auf positive Reaktion des Publikums; schließlich sind ihre Schaukeln zum Benutzen da. Wer zunächst an die heiteren Schaukelbilder des Rokoko denkt, wird bald eines Besseren belehrt. Die Künstlerin setzt szenetypische Sex-Vorrichtungen ein und verrät dies auch gern.

Ihrem Ruf als derbe Künstlerin wird Bonvicini erneut gerecht. Berühmtheit erlangten ihre Videoarbeiten „Wallfuckin’“ und „Hausfrau Swinging“. Während „Wallfuckin’“ eine Frau zeigt, die an einer Wand masturbiert, führt in „Hausfrau Swinging“ eine ebenfalls nackte Frau mit Papphaus über dem Kopf vor einer Wandecke torkelnde Bewegungen vor. Prägnant wie kaum eine andere Künstlerin stellte Bonvicini damit einen Zusammenhang zwischen Architektur und Gender her, dem Debattenthema der Neunziger. Zumal in Berlin, wo sie fortan als Repräsentantin einer Stadt im Umbruch galt, deren Werk um das Motiv Baustelle kreist.

Wenn man sie nun danach fragt, zuckt die heutige Professorin für Bildhauerei und performative Kunst an der Wiener Akademie mit den Schultern. „Berlin und die Neunziger – ja, das war die beste Zeit. Vor allem wegen der Clubs.“ 1986 war die Norditalierin auf Einladung eines Freundes in der geteilten Stadt gelandet und blieb zum Kunststudium. Zum nachhaltigeren Erlebnis wurde das Gastjahr am California Institute of Arts Anfang der Neunziger, wo sie sich mit Architektur zu beschäftigen begann: „Mich haben die Kunstzeitschriften einfach gelangweilt; in Architekturbüchern fand ich einen Diskurs, der realer war.“ Diese erfrischende Respektlosigkeit hat sie sich auch gegenüber der Architektur und deren Erschaffern bewahrt. So zitiert die 40-Jährige in einer Installation Architekten wie Le Corbusier („I believe in the skin of things as in that of women“) und konfrontiert ihre Aussagen mit schlüpfrigen Witzzeichnungen.

Erstaunlicherweise erfahren bei ihr ausgerechnet die Bauarbeiter Nachsicht; die Fragebogenaktion unter dem Titel „Was denkt Ihre Frau/Ihre Freundin über Ihre rauen und trockenen Hände?“, die sie auf diversen Baustellen durchführen ließ, versteht die Künstlerin gar als Hommage an den Berufsstand. Vier Bauarbeiter waren auch die Helden von „Minimal Romantik“ auf der Biennale di Venezia. Im Eingangsbereich der Giardini bearbeiteten die Männer einen metergroßen Block aus Y-Tong-Steinen. Bonvicini hatte sie instruiert, die Konturen des Eisbergs auf Caspar David Friedrichs Gemälde „Die gescheiterte Hoffnung“ herauszuhämmern. Nach den vier Eröffnungstagen im Juni waren die Arbeiter regelrecht enttäuscht, dass sie an ihrer Skulptur nicht weiterarbeiten durften. Monica Bonvicini hat das gefreut, denn viele ihrer Arbeiten setzen auf Beteiligung, wie jetzt im Hamburger Bahnhof.

Der Kontrast zu den drei anderen Nominierten, die mit ihr um den 50000 Euro- Preis antreten, könnte nicht größer sein. An Bonvicinis Beitrag schließt sich in der viergeteilten Kleihues-Halle Anri Salas Video an. Dann folgt eine Sound-Licht-Installation von Angela Bulloch und schließlich John Bock. Der Performer steht in seinem Saal ein wenig ratlos vor dem Fenster, durch das er nach seinem Vortrag am Eröffnungstag ins Freie springen will. Scherzhaft bietet Monica Bonvicini an, ihn draußen aufzufangen. Bock winkt ab, der Fenstersprung ist nichts im Vergleich zu dem Satz, den er als Finale von der nahe gelegenen Brücke auf einen vorbeifahrenden Kahn machen will. Ein Stuntman übt zur Zeit mit ihm. Monica Bonvicini lacht. Für ihre Stunts muss der Trainer erst noch erfunden werden.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 51; Eröffnung am 1. September, 21 Uhr.

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