• Das Kunsthaus Zürich zelebriert zur Jahrhundertwende eine Ausstellung über die Lust an Katastrophen

Kultur : Das Kunsthaus Zürich zelebriert zur Jahrhundertwende eine Ausstellung über die Lust an Katastrophen

Nicola Kuhn

Unter dem Titel "Weltuntergang & Prinzip Hoffnung" wird alles, was Desaster, Hölle, Apokalypse verspricht, zu einem Panorama des Grauens verdichtetNicola Kuhn

Es ist eine Wonne, wie sich die Lava-Massen in die Tiefe wälzen, das Meer zum Kochen bringen und den rauchgeschwärzten Himmel mit wildem Funkenflug erleuchten, während sich die Menschen von Herculaneum und Pompeji in pittoresker Panik in Schutz zu bringen versuchen. Und auch die Regenschauer, das Gewittergrollen und die zuckenden Blitze, die der Herr als siebte Plage über die eindrucksvollen Paläste Ägyptens schickte, müssen John Martin eine Lust gewesen sein. Der britische Maler stellte all diese Katastrophen Anfang des 19. Jahrhunderts jedenfalls mit ungeheurer Hingebung dar: Noch dem heutigen Betrachter jagen sie eher wohlige Schauer über den Rücken, als dass ihm angstvoller Respekt vor Gott und der Natur erwächst.

Die perverse Lust am Untergang war zu allen Zeiten groß, ihre künstlerische Umsetzung seit dem Mittelalter ein Thema. Doch mit jedem fin de siècle verdichten sich noch einmal die Bilder, haben die Weissager des nahenden Endes Hochkonjunktur. Harald Szeemann ist zwar kein solcher Prophet, doch dafür ein visionärer Ausstellungsmacher, wie auch die von ihm organisierte 49. Biennale di Venezia beweist. Unter dem Titel "Weltuntergang & Prinzip Hoffnung" hat er im Kunsthaus Zürich alles, was Desaster, Hölle, Apokalypse verspricht, zu einem Panorama des Grauens verdichtet - mit einem Hintertürchen für die Optimisten. Kurz vor dem Millenniumswechsel ist einer solchen Zusammenschau die abgeklärt-ironische ebenso wie die angstfiebrige Aufmerksamkeit sicher. Dass sie weder den einen noch den anderen Besuchertypus packt, liegt am Zuviel, das Szeemann mit seinem Rundumschlag erfassen will, dem wilden Durcheinander von mittelalterlichen Höllenvisionen und Anti-AKW-Plakaten, Dürers Apokalypse-Zyklus und Filmausschnitten aus "Terminator 2" und "Armageddon".

Dabei beginnt das Unternehmen durchaus vielversprechend. Nachdenklich und doch beschwingt wird der Besucher auf den Weg gebracht. Das gerade gelesene Bloch-Zitat über den "Geist der Utopie" noch im Sinn, den Musikmix aus "Sympathy for the Devil" und "This is the End" noch im Ohr, steht er vor einer Kopie von Géricaults berühmtem "Floß der Medusa". Ach ja, auch wir ein letztes Häuflein Versprengter, Überlebender auf dem Weltenmeer, dem sicheren Tod geweiht. Dieser Bombast des ersten Augenblicks hätte die tragende Stimmung der Ausstellung sein können. Dem Thema Weltuntergang wäre es gewiss bekommen. Doch Szeemann ist ein Spieler, ein kunstvoller Kompositeur der verschiedenen Bezüglichkeiten, die hier leider nicht subtil gesponnen sind wie ein Ariadnefaden, sondern wie Fallstricke durch die labyrinthische Ausstellungsarchitektur gelegt wurden.

Ins Stolpern gerät der Besucher tatsächlich sogleich. Schon nach wenigen Schritten steht er vor einem Ausläufer von Thomas Hirschhorns aus zwanzig Stellwänden bestehender Installation, die sich durch fast alle Räume mäandert. Von Nordirland bis Nazigold, Golfkrieg bis Gentechnik, Älterwerden bis Arbeitslosigkeit handelt er mittels Zeitungsausschnitten so ziemlich sämtliche Katastrophen unserer Zeit ab, die irgendwie alle - und sei es durch die typisch Hirschhornschen Verbindungswürste aus Aluminiumpapier - miteinander in Zusammenhang stehen. Der Betrachter kapiert sogleich: Am Ende des 20. Jahrhunderts schaufeln wir uns selbst das Grab und sind aus der Zeitung auch darüber noch bestens informiert. Die Zeiten, als man die Verantwortung für alle Unbill noch delegieren konnte, sind endgültig vorüber. Ins kleine Horrorkabinett, das Szeemann mit Porträts von den Verursacher der großen historischen Katastrophen - Nero, Napoleon, Marx, Nietzsche, Hitler - ausstattete, können wir selbst uns nun einreihen.

Das klingt banal und ist es auch. Das begleitende Lesebuch von Ernst Halter und Martin Müller, die zur Ausstellung die Anregung lieferten, entgeht diesen vordergründigen Schlussfolgerungen und effekthascherischen Kombinationen, indem es einfach die Entwicklung seit dem Gilgamesch-Epos konstatiert oder etwa die erwachende Interesse der Renaissancekünstler für die Sünderlein bei Jüngstem Gericht oder Sintflut erklärt. Hier hätte man sich auch für die Ausstellung eine Vertiefung gewünscht, doch sogleich hüpft sie weiter zum nächsten Phänomen und präsentiert wie aus heiterem Himmel einen persischen Teehausteppich mit Höllenszenario. Nur kurz kehrt im Kabinett für Grafisches Ruhe ein, wo jeder in der Sprache seiner Zeit das Ende der Welt beschwört: Beatus von Liébena im 8. Jahrhundert in der Buchmalerei, Leonardo mit seinen Strudelstudien, Max Beckmann mit seiner modernen Apokalypse. Der Horror und zugleich die Neugierde auf dieses Unfassbare ist ihnen allen gleichermaßen eingeschrieben.

Bei einer solchen Vorgabe muss Szeemann selber der Teufel geritten haben, dass er ausgerechnet Eva & Adele, das Händchen haltende Berliner Andro-Gespann, als Ausblick aus der Katastrophe erwählte, zu seinen Verkündern des "Prinzips Hoffnung" machte, nachdem das "Ende des 20. Jahrhunderts" von Beuys als Leihgabe nicht zu bekommen war. "Futuring" haucht das Duo abwechselnd dem Betrachter mit maskenhaftem Lächeln auf Bildschirmen entgegen. Vor lauter Anstrengung bei dieser Dauerverkündigung rollt Eva eine Träne herunter, die sich ihren Weg durch das Make-up bahnt. Dem Weltuntergang scheinen sie entgangen, den kleinen Katastrophen nicht.Kunsthaus Zürich, bis 7. November; Katalog (Offizin Verlag, Zürich) 98 Mark.
© 1999

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