Kultur : Das Lachen, die Tragödie

Weltliteratur: Amos Oz und seine „Geschichte von Liebe und Finsternis“

Peter von Becker

Ist dieses große Buch in seinen 765 Seiten und wechselnden Zeiten, Räumen, Erzählstimmen tatsächlich ein „Roman“, wie der Umschlag verheißt? Der jetzt 65-jährige israelische Schriftsteller Amos Oz hat „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ tatsächlich mit dem Atem auch des Historikers geschrieben. Doch es ist vor allem die Geschichte seiner eigenen Familie, aus Osteuropa noch vor 1933 ins damalige britische Mandatsland Palästina eingewanderter Juden. Und es ist die Geschichte jenes Kindes Amos Klausner, das im Alter von 15 Jahren vom Jerusalemer Stadtviertel Kerem Avraham allein in die Wüste geht, in den Kibbuz Hulda – und fortan den Namen Amos Oz annimmt.

Also eher eine Autobiographie? Auch das. Aber Amos Oz sagt in dieser „Geschichte von Liebe und Finsternis“ schon früh: „Alles ist autobiographisch. Wenn ich einmal eine Geschichte über eine Liebesaffäre zwischen Mutter Teresa und (dem früheren israelischen Außenminister) Abba Eban schreiben sollte, wäre das bestimmt eine autobiographische Geschichte – wenn auch kein Bekenntnis.“ Dichtung und Wahrheit sind hier so schwer zu trennen wie, mit Amos Oz’ Worten, das Fleisch der Trauben und ihre – Wahrheit, Wahrheit! – trockenen Kerne.

Sagen wir: Amos Oz hat mit seinem großen Buch einen Roman des Lebens geschrieben, wie es ihn so noch nicht gab. Es ist eine einzigartige, durch die persönliche Erfahrung des Poeten und politischen Kopfes beglaubigte Geschichte Israels. Seiner Gründung und Begründung als Staat und als Gesellschaft jener Menschen, die als Minderheit so oft verfolgt waren, dass sie den schönen Traum hatten, auf dem einzigen Fleckchen Land, das ihnen durch Historie, Religion und Weltgemeinschaft zugewiesen wurde, mit einer anderen Minderheit friedlich und großherzig zusammenzuleben.

Amos Oz, im Sechstagekrieg Panzerkommandant und dann bald ein Mitbegründer der israelischen Friedensbewegung, beschreibt in einer der vielen spannenden, erschütternden Episoden aus der Zeit des Unabhängigkeitskampfes, wie die Zukunft der von Arabern und Briten (schon damals auch mit Autobomben) bedrohten Juden in der Nacht des 29. November 1948 an einem seidenen, blutigen Faden hing. Es war die Abstimmung der Vereinten Nationen, die damals in Lake Success bei New York zusammengekommen war. Lake Success, der „See des Erfolgs“, erklärte der Vater dem damals Neunjährigen, „ist das Gegenteil des Tränenmeers“.

Freilich trocknet Amos Oz, der Empfindsamkeit nie ins Sentimentalische wendet, keine Tränen. Nicht die des Lachens und des Witzes, über den er so wundervoll verfügt, und nicht die der Tragödie Israels und des friedlosen Nahen Ostens. Der Leser erlebt diesen Lebensroman dabei immer im Wechsel zwischen der Familien- und Zeitgeschichte. Wir sehen die – europäisch, bildungsbürgerlich begriffene – Herkunftswelt seiner Großeltern, Onkel, Tanten, Eltern in der Ukraine, Weißrussland, Ostpolen noch einmal aufleben und in der Shoa oder der Emigration verlöschen. Das wird zur Beschwörung auch eines Reigens der einst gelebten und erlesenen Tschechowschen Sehnsüchte und Dostojewskischen Leidenschaften. Im Israel seiner Kindheit folgt dann neben aller Entbehrung oft genug auch die absurde Komödie: wenn durch den einzigen Telephondraht zwischen Jerusalem und Tel Aviv die Familienteile jeweils in der örtlichen, telephonbewehrten Apotheke sich über die Rezepte des Alltags austauschen.

Amos Oz wird angesichts des Fanatismus einer Versammlung des Widerstandskämpfers Menachem Begin vom Nationalismus kuriert; als Jungdichter und Armeefeldwebel begegnet er dem Staatsgründer Ben Gurion in kurioser Privataudienz, da ist er als Halbwaise vom jungen Klausner längst zu seinem heutigen Namen gewechselt. Aber er bleibt seiner Familie noch in der Abwendung treu. Denn Oz hat das Buch eigentlich seiner, wie wir auf einem Foto sehen, schönen Mutter gewidmet. Da ist die Liebe – und jene Finsternis zwischen Menschen, die sich trotz ihrer Liebe nicht trösten können. Der Selbstmord der Mutter wird dann im letzten Kapitel mit unerbittlicher Trauer beschworen. Ein Lebensroman: ein Todesroman. Und ein Stück Weltliteratur.

Amos Oz „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Suhrkamp Verlag, 2004, 765 Seiten, 26,80 €. Amos Oz erhält heute den „Welt“-Literaturpreis und liest morgen zusammen mit Ulla Unseld-Berkéwicz im Jüdischen Museum Berlin (20 Uhr).

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