Kultur : Das Lächeln der Lemminge

Das Festival von Cannes setzt souverän auf Filmkunst – und eröffnet mit einem Psychothriller

Jan Schulz-Ojala

In einem viel beachteten Artikel im Webforum von www.programmkino.de hat der Chef des Hamburger Abaton-Kinos dieser Tage auf den wachsenden Widerspruch zwischen Festivalerfolgen und deren späterer Wirkung im Kino hingewiesen. Da seien nicht nur der DVD-Boom oder das Überangebot von allwöchentlich neuen Filmen, die dem Publikum die Laune und die Übersicht verderben, schreibt Matthias Elwardt; nein, die Autorenfilmer schwächelten allgemein, und überhaupt gingen von den großen Festivals kaum Impulse mehr aus. „Es macht schon nachdenklich, wenn Regisseure, die demnächst ihren 60. Geburtstag feiern, die Hoffnungsträger der Filmkunst sein sollen.“

Arg pessimistisch tönt der renommierte Kinomacher – ganz im Gegensatz zur überwiegend fiebrigen Erwartung, die den Start des 58. Filmfestivals in Cannes begleitet. Und doch scheint der Befund erst einmal treffend. Denn nach dem Wechsel vom greisen Präsidenten Gilles Jacob zum pragmatisch-dynamischen Thierry Frémaux mag das Festival zwar dieses Jahr nicht die Veteranen vom Schlage eines Angelopoulos oder Oliveira ins Rennen schicken. Die stolze Staffelstabweitergabe zur nächstjüngeren Regisseursgeneration aber vollzieht sich selber in gemächlichem Rahmen. Etablierte Spätvierziger bis Spätfünfziger dominieren das Wettbewerbsprogramm, und mit Wim Wenders („Don’t Come Knocking“), Gus van Sant („Last Days“), Lars von Trier („Manderlay“) und den Gebrüdern Dardenne („L’enfant“) sind sogar fünf veritable Palmen-Sieger vergangener Jahre dabei. Wenn da nun ein Anfangfünfziger und zweifach golden Palmenbekränzter wie Emir Kusturica die Jury anführt – winken sich da nicht wieder womöglich bloß Kumpels durch, gut gelaunt am Publikum vorbei?

Abwarten. Cannes, dieser unschlagbare Magnet der Filmwelt – nach der verkorksten jüngsten Berlinale zeigt sich das einmal mehr in schmerzhafter Deutlichkeit –, ist ein Chamäleon. Es wechselt die Farbe. Es legt neue Farben auf. Und vor allem: Es kümmert sich nicht darum, was die Konkurrenten für handelsüblich halten, sondern geht souverän neue Wege. Zum Beispiel beim Eröffnungsfilm: Wo Berlin, Venedig und zuletzt auch Cannes den jeweils örtlichen Honoratioren als Hors d’œuvre zum Gala-Buffet meist künstlerisch vernachlässigenswerten Augen- und Ohrenschmaus mit internationalen Stars servierten, startet das Festival diesmal ganz schlicht. Mit einem sanft-gruseligen Psycho-Thriller vom noch nicht eben weltberühmten und zudem erst 43-jährigen Franzosen Dominik Moll. Mit einem sehr überschaubaren Vierpersonen-Stück aus bester heimischer Maßkonfektion. Aber mit was für glamourösen Namen! Charlotte Rampling und André Dussolier spielen das ältere, Charlotte Gainsbourg und Laurent Lucas das jüngere Paar.

„Lemming“, Molls dritter Spielfilm nach „Intimité“ (1994) und „Harry, un ami qui vous veut du bien“ (2000), hebt an wie ein Chabrol auf der Höhe unserer Zeit, leiht sich den kühl disziplinierten Blick eines François Ozon, ohne dessen Sarkasmus zu kopieren – und von ferne grüßt, milde lächelnd, Alfred Hitchcock. „Lemming“ ist ein Suspense-Cocktail im bürgerlichen Milieu, gemächlich anzusüffeln; und tatsächlich, die erste Hälfte des Films ist ein sublimes Vergnügen. Alain, ein begabter Ingenieur, der in einem Großlabor fliegende Webcams zwecks Fernüberwachung von Privathaushalten entwickelt, ist mit Ehefrau Bénedicte gerade in die Nähe von Toulouse gezogen. Eines Abends lädt das junge Modellehepaar Alains Chef, den soignierten Richard Pollock, mitsamt Ehefrau Alice zum Essen ein. Doch die Gäste erweisen sich als chronisch derangiert. Als Pollock einen Handy-Anruf wegdrückt, rafft sich seine verdüsterte Gemahlin zur ersten ernsthaften Wortmeldung auf: „Wahrscheinlich eine deiner Nutten?“

Das ist erst arg lustig fürs Publikum – und bald arg ungemütlich. Auch die fliegende Webcam, zu Beginn als roter Mini-Hubschrauber bei einer Kundenvorführung noch sehr possierlich anzuschauen, bekommt bald einen finsteren zweiten Einsatz. Und überhaupt, sind wir Menschen mit unseren Äuglein und sonstigen Sinnesorganen nicht alle seltsam mobile Webcams, auch zu Hause mitunter ziemlich taumelnd? Was etwa, wenn plötzlich ein halbtoter Lemming, jenes nordeuropäische, für seine mysteriösen Massenselbstmorde gefürchtete Hamstergespenst, unseren Küchenabfluss verstopft? Bald verwandelt sich das nette Heim des jungen Paars in ein Geisterhaus, wird die auf Zärtlichkeit und Vertrauen gründende Ehe zu einem albtraumhaften Martyrium – Mord und Selbstmord inklusive.

Vielleicht hat sich Regisseur Dominik Moll, der mit Gilles Marchand das Drehbuch schrieb, irgendwann ein bisschen zu sehr verliebt in die Lemming-Metaphorik und ein paar (para-)psychologische Taschenspielereien. Das Publikum aber, das das großartig zurückgenommene Spiel der vier Hauptdarsteller, die fein entwickelte und perfekt aufgelöste Story genießen dürfte, muss sich an derlei Einwänden nicht stören. Und hat nicht Molls „Harry meint es gut mit dir“, eine schönfiese Biedermann-und-Brandstifter-Geschichte, damals in Deutschland überraschend knapp 40000 Zuschauer ins Kino gelockt? Schon dieses Cannes-Entrée also könnte genau zu jenen „spannenden Filmen“ junger europäischer Regisseure gehören, die der besorgte Hamburger Abaton-Macher so herbeisehnt. Filme für Festivals eben – und fürs Kino.

Überhaupt: Cannes prunkt diesmal wie lange nicht. Wie vielversprechend muss ein Wettbewerb sein – unter anderem mit Beiträgen von Atom Egoyan, Jim Jarmusch, David Cronenberg, Robert Rodriguez und Johnny To –, wenn die Programmmacher es sich leisten können, ebenso klingende Namen wie Kim Ki-duk, Shinji Aoyama und François Ozon in einer Nebenreihe zu präsentieren? Hinzu kommen die schwindelerregend prominent besetzten Haupt- und Nebenjurys, geleitet von cineastischen Großmeistern wie Kusturica, Edward Yang, Alexander Payne und Abbas Kiarostami. Dass da unlängst ausgerechnet Roland Emmerich den Wettbewerb der Berlinale begutachtete! Sagen wir’s mit Brecht: Wenn die Wunde nicht mehr schmerzt, schmerzt die Narbe.

Egal. Jetzt ist jetzt. Hier ist hier. Mit 53 Filmen im Hauptprogramm, davon 50 Weltpremieren. Wäre doch gelacht, wenn sich da auch skeptische Branchenleute nicht glücklich-schwindlig gucken sollten. Wie schreibt der Hamburger Kinomacher Elwardt,  um sich und seinen Kollegen die Melancholie im Kassenhäuschen zu vertreiben? „Besondere Filme sind immer die beste Werbung für die Filmkunst.“ 

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