Kultur : Das Lächeln einer Winternacht

Deutsches Theater (1): Ulrich Matthes inszeniert Wedekinds „Frühlings Erwachen“

Peter von Becker

Kann man das heute noch spielen? Eine Fünfzehnjährige kriegt ein Kind, weil ihr die Mutter erzählt hat, die Babys kämen allein in der Ehe vor, und sie sei doch nur mit einem Schulfreund ein bisschen im Heu gelegen. Und der gleichaltrige Knabe, dieses „frühlingsfrohe Herz“, wird von seinen (liberalen) Eltern in die „Korrektionsanstalt“ verdammt, weil er nicht bloß mit dem Mädel, nein: weil er einem Klassenkameraden in Pubertätsnöten ein paar naturwissenschaftlich-philosophische Ratschläge zum Thema „Der Beischlaf“ gegeben hat, mit selbstgezeichneten Illustrationen.

Man kann. Wenn man’s kann. Ulrich Matthes, der Theater- und Filmschauspieler, hat bei seinem Berliner Regiedebüt in den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit leichter Hand und hellem Verstand gezeigt, wie es geht. Und das mit einem wunderbar jungen Ensemble von Schauspielschülern der Berliner Ernst-Busch-Schule. Damit ist schon mal die erste Klippe einer Inszenierung von Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“, Untertitel „Eine Kindertragödie“, genommen: Hier müssen nicht ausgewachsene Staatsschauspieler die Kids von gestern (und heute) mimen, und man spürt nie den nah verwandten „Romeo und Julia“-Effekt: wenn auf großen hohen Bühnen der Teenagelover mitunter doch Schwierigkeiten hat, noch den berühmten Balkon zu erklimmen.

Es ist in jeder Hinsicht eine schlanke, klare Version des 1890/91 geschriebenen, 1906 an eben den Berliner Kammerspielen von Max Reinhardt mit Alexander Moissi und Wedekind uraufgeführten und erst 1912 von der wilhelminischen Zensur ganz freigegebenen Stücks. Colin Walker hat an die Rampe, für die häuslichen Szenen, zwei zeitlos moderne Velours-Sitzgarnituren gestellt, und dahinter öffnet sich für Schulhof, Friedhof, Wald und Wiese die schiere Kunst-Natur eines weißen Guckkastens mit ansteigender Spielfläche. Ein lichter, leerer Spielraum, mit dem Matthes und sein Bühnenbildner für Kenner und Liebhaber an die gleißende Spielbox der legendären, das Stück in Wilfried Minks’ Szenerie erstmals aus der Jahrhundertwende in den Zeithauch der Beat- und Popgeneration swingende Inszenierung von Peter Zadek erinnern (das war Bremen gestern, 1965, mit Bruno Ganz, Judy Winter, Vadim Glowna).

Dieses „Frühlings Erwachen“ zitiert nun nicht mal mehr Ranzen und Schuluniformen, der Habitus scheint völlig von jetzt zu sein. Die Mädels paffen, die Buben fummeln SMS-halber am Handy oder skandieren Mitschülernamen wie Fußballstars („Mo-ritz Stie-fel!“), sie geben sich jeanssteif oder schlaghosenlümmelig, auch der retromäßige Trainingsanzug und bei den Mädchen der Ripppulli oder das maikäfergepunktete Sommerfähnchen fehlen nicht. Stören nicht. Weil das Ganze nicht bloß aufgesetzt, sondern selbst zitiert wirkt – und plötzlich erklingen in dieser Galerie der Gegenwart sonderbar museale Sätze: von „männlichen Regungen“, von Scham und Sehnsucht, und oft altklug naiv. Dann lüftet ein Mädchen ihr T-Shirt und zeigt den eben noch giggelnden Freundinnen Striemen auf ihrem Rücken. Zu Hause geschlagen, nachts zum Schlafen in einen Sack gestopft.

Obwohl sich die jungen Spieler pubertierisch cool geben, steckt in jeder eine Spur übertriebenen oder auch nur hilflos aufgemotzten Gebärde eine mögliche Verletztheit. So gewinnt die Aufführung beim Publikum, wo in der Premiere (zu Recht) auch viel gelacht wurde, von Anfang an Aufmerksamkeit, Konzentration und manchmal Verwunderung. Vor allem Adina Vetter als später geschwängerte Wendla hat daran ihren Teil.

Eine blonde, völlig unsüßliche, nie zu holdgretchenhafter Innigmeierei neigende Spielerin. Mit einem offenen Lachen, das schnell in schmallippige Härte, Anspannung, ahnungsvolle Neugier wechselt. Sie hat mit dem kraftvoll präsenten Achim Schelhas als Freund und „Beischlaf“-Autor Melchior eine große, in Aufführungen des Stücks oft etwas prekäre Szene: Für die Mutter hat sie Waldmeister gesammelt, in einer Lidltüte; sie begegnet Melchior, und als sie von den Misshandlungen ihrer Klassenkameradin erzählt, nimmt das spätere Verhängnis seinen Anfang. Sie selbst sei zu Hause noch nie geschlagen worden. Wie sich das wohl anfühle. Dann reicht sie Melchior ihren Gürtel. Der sträubt sich, schlägt sie ein wenig – dann, wie Gewalt aus Verschämtheit entsteht, packt er die Lidltüte, schlägt sie immer heftiger, das Plastikteil zerplatzt, er rennt fort – und auf der nun mit dem grünen Kraut übersäten weißen leeren Bühne liegt das Mädchen am Boden, zusammengekauert. Im roten Kleid, wie ein Embryo.

Immer wieder gelingen Ulrich Matthes und dem Ensemble so schöne, einprägsame Gesten. Die Eltern Melchior Gabors sind hier liberale „Zeit“-Leser (gespielt von den DT-Profis Barbara Schnitzler, Michael Schweighöfer); ihre betulich soignierte Fortschrittlichkeit hat zwar in Anbetracht der pädagogischen „Korrektionsanstalt“ ihre Grenzen, doch als komische Scheißliberale sind sie selbst ein tragischer Fall – das übersetzt die Aufführung auch ohne Worte. Sie spielt in einem Zwischenreich, zwischen den Zeiten, und man weiß, dass die gestrigen Pubertätsängste nur Metaphern sind für heutige, anders ähnliche Schmerzen des Erwachens und Erwachsenwerdens. Triebe sind Hiebe, noch allemal.

Dass dies trotz einiger Rhythmusprobleme (die Szenen können noch mehr ineinander fließen) ganz spielerisch gelingt, liegt auch an der Stückfassung. Matthes und seine Dramaturgin Anita Augustin-Huber haben das feuerzangenbowlenhafte Lehrerkollegium ebenso wie die Engelmacherin gestrichen und durch kluge Binnenkürzungen mancherlei wedekindischen Jugendstil – einst kein Schmock, sondern kühnste Satire – in die Literaturgeschichte verbannt.

So kann auch Ulrich Matthes in der finalen Rolle des „Vermummten Herrn“, der auf dem Friedhof den „Faust“–Leser Melchior als humaner Mephisto und fleischgewordenes Prinzip Hoffnung zurück zum Leben verführt, mit nichts als dunklen Brillengläsern im eleganten Sommeranzug auftreten. Kein Dämon (wie ihn einst Wedekind selber spielte). Im Off hört man zu Matthes’ Auftritt plötzlich Hupen, Verkehrslärm, Zukunftsmusik. Also ein Zeitgenosse. Von gestern Morgen. Er schickt das Gespenst des Selbstmörders Moritz Stiefel (vorzüglich auch: David Ruland) zurück ins Grab, und dieser sagt, sich am ewigen Wesen und Verwesen wärmend: „Ich lächle.“ Black – das Spiel ist aus, das Leben nicht.

Wieder am 18., 19. und 31. Januar .

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