Kultur : Das Land an der Leine

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Monitore flimmern, Videobilder flackern. Ein undefinierbarer Lärm dröhnt durch die Halle. Und dann: Hunde! Auf einer Wandprojektion beißen sie sich gegenseitig in die Gurgel. Und in einer Ecke sitzt ein Typ mit zwei Rottweilern an der Leine. Echte, große Rottweiler. Und das Schlimmste: Es gibt noch einen dritten, der ohne Leine daneben kauert und sich, wie nicht anders zu erwarten, sofort aufrafft und mit starrem Blick auf einen zutrottet. Selten in einer Ausstellung gewesen, die soviel Angst macht!

Man wird also körperlich angegangen von dieser Installation in den Berliner Kunst-Werken. Und das ist nicht das Schlechteste, was man über eine Ausstellung sagen kann. Doch die beiden Künstler wollen mehr. Francis Alys und der mexikanische Filmemacher Alejandro Gonzalez Inárritu haben sich zusammengetan und einen begehbaren „Essay aufgebaut, in dessen Mittelpunkt Inárritus „Amores Perros“ steht. „Amores Perros“, einer der bemerkenswertesten Filme des letzten Jahres, ist das komplexe Porträt einer Großstadt. In drei Episoden erzählt er von der Liebe, von Mexiko-City und von Menschen mit ihren Hunden.

Die Ausstellung zeigt Film-Stills und Zeichnungen aus dem Story-Board. Was zunächst nach einer braven Begleitausstellung, nach einem museal veredelten „Making-of“ klingt, will nichts weniger sein als eine Metapher für die mexikanische Gesellschaft. Allerdings haben es uns die beiden Künstler nicht ganz leicht gemacht, das zu erkennen. Alys und Inárritu zeigen Stellproben, Voraufnahmen und Takes, die nie im Film verwendet wurden. Was wir sehen, sind also immer Momente vor dem endgültigen Film. Es sind Annäherungen auf dem Weg zur Perfektion. Dieses Unfertige und Noch-Nicht-Angekommene ist für die beiden Künstler eine Metapher für Mexiko, für ein Land, das noch lange nicht das Wohlstandsniveau der modernen Industrienationen erreicht hat. Das Problem dabei: Ein Bild, das sich in der Ausstellung viel stärker in den Vordergrund schiebt und die gewollte Assoziation verdrängt, ist der Crash. Das immer wiederkehrende Aufeinanderprallen von entgegengesetzten Kräften. Der tödliche Zusammenstoß in der Endlosschleife. Wenn das der Zustand des Landes wäre: dann viel Spaß.

Das zweite Vorhaben der Künstler geht besser auf. Alys und Inárritu weisen uns geschickt darauf hin, dass ein Film wie „Amores Perros“ immer deutlicher zum Abbild der Wirklichkeit wird, je mehr Manipulation er betreibt. Je mehr Make-up, Beleuchtung und Kostüme ins Spiel kommen, desto näher scheinen sich die Szenen auf den Monitoren an die raue, schmutzige Welt da draußen heranzuschleichen. Ein Paradox – vom Kino gerne genutzt. Julian Hanich

Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 14. 9.

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