Kultur : Das Leben als Mann

Schreiben als Widerstand: Zum 70. Geburtstag des großen amerikanischen Schriftstellers Philip Roth

Hellmuth Karasek

Philip Roth, der heute 70 Jahre alt wird, hat sich schon in mehreren Romanen mit dem Thema des Älterwerdens und Altseins beschäftigt. Seine trotzig strauchelnden Macho-Helden – alles im Grunde einsam-autistische, ja onanistische Einzelkämpfer – bäumen sich auf gegen das verrinnende Leben, und Sichaufbäumen heißt bei diesem Autor, der sein Leben schamlos bis zur Schmerzgrenze erzählt: immerfort Schreiben. So versuchen Roths alter egos, die Ausweglosigkeit vor dem Verfall, dem Würde-Verlust, den Tod selbst aufzuhalten und auszuhalten.

Ein solistischer, ja egoistischer Akt, mit dem Stolz und dem Trotz der Einsamkeit umhüllt. Aber es ist auch ein Akt, der zwischen dem amerikanisch-jüdischen Autor und seinen Lesern Solidarität stiftet. Roths Romane ermutigen zu der Einsicht, dass man im Tod alleine ist – wie paradoxerweise auch in der Liebe, im Sex. Schon Roths erster Welterfolg „Portnoys Beschwerden“ von 1969, dieser Familienroman über den masturbierenden Sohn einer kleinbürgerlich-jüdischen Familie, spürte in der Sexualität beharrlich die Einsamkeit: Die Wahrheit dieses Romans war damals ein Skandal.

Roth ist der Autor jener Singles, die die Familienbande gesucht haben und an ihnen gescheitert sind; die wissen, dass schon der Versuch, nicht alleine zu bleiben, mit Krankheit und Tod bestraft wird. Was passiert, wenn zu diesem Grundbefund das Alter hinzukommt? Wie verschärft sich das Problem, von dem Roth nicht müde wird zu schreiben – und das heißt: zu eifern, zu höhnen, zu pamphletisieren? Anders als John Updike, der die hasenherzigen Helden in seinen Suburbia-Höllen nie allein lässt, sind die Helden von Roth – mögen sie Zuckerman, Portnoy, Tarnopol oder Kepesh heißen – von vornherein auf sich gestellt. Ihre Frauen haben sie verlassen, ihre Partner sind gestorben, sie sind aus ihren geordneten Laufbahnen (Professoren oder Geschäftsleute) herausgeschleudert. Nun stehen sie da und bilanzieren ihr Leben. Oder es wird von außen, auf der Psychiatercouch, von Freunden, einem Erzähler gnadenlos bilanziert.

Auch die Widerwärtigkeiten des Alters sind in seinen Romanen ähnlich radikal festgehalten. Die Figuren stehen ohne Maskierung da: nackt und bloß, klapprig, eklig und bedürftig. Und doch stellt sich über den Umweg der Entwürdigung ihre Würde wieder her. Das vollzog sich in Roths Romanen in mehreren Stufen. In „Mein Leben als Sohn“ hat Roth 1991 die hinfällige Existenz seines Vaters beschrieben. Dessen Hilflosigkeit, die Scheußlichkeiten, die der Verfall mit sich bringt. Und, oh Wunder, obwohl das Buch keine Stufe auf dem Weg zum Tode ausließ, wurde es ein Buch des genauen Mitgefühls und der anteilnehmenden Liebe zu einem Vater, mit dem sich der Sohn nie verstanden, nie identifiziert hatte.

1995 schrieb Roth, sozusagen von außen, mit „Sabbaths Theater“ den Roman eines Altwerdenden und ersparte seinem unwürdigen Helden keine Erniedrigung: weder den Geschlechtsverkehr mit einer vettelhaft alten Geliebten als Heimlichkeit auf dem Friedhof noch die Klebrigkeiten, wie dieser Alte, von einem Freund aufgenommen, das Mädchenzimmer der Tochter beschmutzt – die postmoderne Variante eines mittelalterlichen Totentanzes.

Kann man sich, möchte man sich eine andre Haut zulegen? Kann man in eine Maskerade entfliehen? Roths Held des großen Romans „Der menschliche Makel“ (2000) versucht, radikal aus seiner Haut zu fahren. Der College-Professor war als Kind ein so hellhäutiger Schwarzer, dass es ihm gelang, sich eine zweite Identität zuzulegen: Er verwandelt sich zu einem Juden. Makabrerweise holt ihn die Nemesis ein, als er als Professor scheinbar (es ist das Zeitalter der Political Correctness) zwei farbige Studenten wegen ihrer Hautfarbe beleidigt. Doch das Entscheidende ist wieder ein sexueller Skandal: Der über 60-jährige fängt eine Beziehung mit einer wesentlich jüngeren Putzfrau an, und diese Bettleidenschaft zwischen einer scheinbar primitiven Frau und einem Hochgelehrten wird ihm zum Verhängnis. Philip Roth hat diesen Roman auch als höhnischen Kommentar zur Clinton-Lewinsky-Affäre geschrieben, diesem Höhepunkt amerikanischer Sexualheuchelei.

Als jüngstes Buch erschien erst kürzlich Roths Roman „Das sterbende Tier“ in Deutschland, ein schmales Werk von gut 160 Seiten. Es ist die Geschichte eines 70-jährigen Literaturlehrers, David Kepesh, der als Kritiker durch das Fernsehen bekannt ist und die Angewohnheit hat, eine seiner Studentinnen zu verführen, wenn sie nicht mehr seine Schülerin ist – auf einem Abschiedsabend, den er für seinen Kurs in seiner Wohnung gibt.

Diesmal ist es – und davon erzählt der Gelehrte und Sexbesessene mäanderhaft ausschweifend auf knappem Raum – eine hübsche Exilkubanerin mit exorbitanten Brüsten. Der Alternde leidet an Verlusten und Eifersucht, wo er scheinbar gewinnt. Er bleibt allein und verzweifelt zurück, ein alter Schwächling, der zu klassischen Klaviersonaten seiner jungen Geliebten auch wieder onanierend nachtrauert. Doch dann, eines Tages, kommt in der Silvesternacht nach Jahren ihr Hilferuf per Telefon. Und als er die junge schöne Frau wiedersieht, gesteht sie ihm, dass sie, die Frau mit dem schönsten Busen, ausgerechnet an Brustkrebs unheilbar erkrankt ist. Und der Alternde erlebt einen wilden, einen schrecklichen, einen bestialischen Triumph: dass ihn die Jugend auf dem Weg zum Tode überholt hat.

Auch dieser Roman ist eigentlich wieder ein Skandal, auch ein nekrophiler. Denn das Buch schildert – neben dem vatergeschädigten Sohn des Erzählers – den Tod seines besten Freundes. Eine grandios geschmacklose Szene: als der Sterbende noch einmal zu Bewusstsein kommt und hilflos, aber bestimmt seiner Frau die Bluse aufnestelt, um sich an ihr zu schaffen zu machen. Es ist eine „Hört denn das nie auf?“-Szene. Und die Frau des Toten sagt traurig und verzweifelt und höhnisch und spöttisch: Wen hat er wohl gemeint, als er versuchte, sich an mir zu schaffen zu machen?

Man sagt, dass sich ein großer Autor daran erweist, wie er Szenen von Liebe und Tod, von Sex und vom Sterben schreiben kann. Philip Roth kann beides.

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