Kultur : Das Leben der Sternschnuppen

Der Berliner Schriftsteller Norbert Zähringer erzählt Geschichten mit Witz und Understatement. sein neuer Roman „Bis zum Ende der Welt“ handelt von einer kosmischen Dreiecksgeschichte.

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Im kosmischen Maßstab dauert ein Menschenleben nicht länger als ein Wimpernschlag. Selbst die Menschheitsgeschichte schrumpft angesichts der Milliarden Jahre des Universums zur Randnotiz. Das ist, bei allem, was auf Erden und im Himmel geschieht, ein tröstlicher Gedanke. Es ist aber auch die größtmögliche Herausforderung für einen Geschichtenerzähler. Denn was könnte angesichts der menschlichen Gesamtbedeutungslosigkeit überhaupt noch erzählenswert sein?

Norbert Zähringer nimmt diese äußerste Herausforderung an, indem er sie zu seinem Thema macht. Menschheitsgeschichtlich, so heißt es in seinem neuen Roman „Bis zum Ende der Welt“, sind wir das Ergebnis „unwahrscheinlichster Katastrophen“. Ein Meteoriteneinschlag führte zum Aussterben der Dinosaurier; hätte er die Erde verpasst, gäbe es heute keine Menschheit. Mikrokosmisch, in Betrachtung eines einzelnen Menschenlebens, verhält es sich ähnlich. Eine Biografie ist das Resultat unwahrscheinlichster Katastrophen. Zufällige Ereignisse sind so miteinander verknüpft, dass sich schließlich etwas daraus ergibt, was sich Schicksal nennen lässt. „Gott würfelt nicht“, sagt eine der Romanfiguren, während eine andere Gott für einen Zocker hält, der den Einsatz beliebig erhöht. Zähringer setzt alles daran, die Ereignisse, von denen er berichtet, als Kette von Zufällen darzustellen. Wenn sie vom Ende her trotzdem eine Art von Zwangsläufigkeit erhalten, dann muss das daran liegen, dass es vielleicht doch einen „weisen, planvollen Gott“ gibt – zumindest in der Literatur. Denn da ist es der Autor, der über das Schicksal und die Verknüpfungen der Einzelereignisse gebietet.

Drei Figuren genügen Norbert Zähringer, um dieses Spiel von Zufall und Notwendigkeit in Gang zu setzen. Da ist zunächst die ukrainische Studentin Anna, die ihrem trunksüchtigen, gewalttätigen Vater und seinen Saufkumpanen entkommen möchte. Sie wendet sich an eine Partnerschaftsagentur, die sie an einen älteren Deutschen vermittelt. Gerhard Laska holt sie in sein Haus nach Berlin-Kladow, ein Hobbyastronom, der sich nichts sehnlicher wünscht, als einen unbekannten Kometen zu entdecken. Nach einigen Wochen gesteht er ihr, schwer krank zu sein, er habe nur noch ein halbes Jahr zu leben. Er bietet Anna 20 000 Euro, wenn sie bis zum Ende bei ihm bleibt und ihn nach Portugal begleitet, wo er ein Haus besitzt.

Das Verhältnis der beiden ist prekär. Sie wissen nicht, ob sie sich vertrauen können und ob sie mehr verbindet als die geschäftliche Vereinbarung. Und doch lässt Zähringer nach und nach ein vorsichtiges Näheverhältnis entstehen, eine sorgende Zusammengehörigkeit, die mehr ist als gegenseitige Abhängigkeit. Daraus könnte, wenn Laska überleben würde, vielleicht sogar eine sehr diskrete Liebesgeschichte werden.

Kurz vor der Mitte des Romans taucht dann plötzlich eine dritte Figur auf, völlig unverbunden mit dem bisherigen Handlungsstrang. Lange bevor Laska und Anna in Portugal eintreffen, wird die Geschichte des portugiesischen Polizisten Yuri Fernao Gouvea aufgerollt, der einst als Sohn des mit einem Mokick gefeierten millionsten Gastarbeiters in der Bundesrepublik aufwuchs. Sein Vater, ein Kommunist, verehrte Gagarin. So kam Yuri zu seinem Namen. Ein menschlicher Finger am Strand der Algarve führt zu einem afrikanischen Bootsflüchtling und schließlich zu einem Überfall in einer Apotheke. Diese Ereignisse haben nichts miteinander zu tun, ergeben sich aber auseinander, so dass schließlich auch Anna und Yuri einander begegnen wie zwei Kometen im Weltall.

Vom Osten Europas über Berlin in den äußersten Westen des Kontinents führt diese Geschichte, und weit darüber hinaus. Ganz nebenbei entsteht ein Bild des gegenwärtigen Europas von den Rändern her. Anna ist im Jahr nach der Tschernobyl-Katastrophe geboren – ihr Vater verlor dort ein Bein und offenbar auch den Verstand. Ihre Begegnung mit Yuri beim Überfall in der Apotheke ereignet sich am 11.3.2011, dem Tag der Katastrophe von Fukushima. Über einen Großvater Annas gerät der Weltallbahnhof Baikonur in den Blick, wo noch vor Gagarin der Hund Laika ins All geschossen wurde. Bevor der Großvater dort im Wachbataillon Dienst tat, war er Wachmann in Spandau bei den zu „Gespenstern“ mutierten gefangenen Alt-Nazis.

Zähringer ist immer auch an Geschichte und speziell der deutschen Katastrophengeschichte interessiert. Zum Spiel der Zufälle, das die Biografien bestimmt, gehört eben auch der historische Rahmen, in dem sich die Lebensläufe ereignen und aus deren Verwicklungen sich umgekehrt das große Ganze ergibt. Sein Blick auf die Geschichte ist moralfrei wie der Blick eines Astronomen auf das Geschehen am Himmel. Es ist bewundernswert, mit welcher erzählerischen Eleganz er den Zufall zähmt, wie er seine Geschichten unaufdringlich miteinander verbindet oder sie auch nur umeinander kreisen lässt. Die Zusammenhänge ergeben sich erst für den Betrachter, der vom Ende her einen Sinn in das Geschehen legen möchte. Es könnte aber auch sein, dass alles vollkommen sinnlos gewesen ist.

Vielleicht ist es ein Hirte in Baikonur, der den Satz spricht, von dem aus der Roman zu deuten ist. Der Hirte hat Mitleid mit dem Hund, der im Dienst der Menschheit ins All fliegen muss und der den Sinn, der darin liegen mag, nicht erkennen kann. Als der Genosse Major ihn darauf hinweist, dass das Leben eines Hundes keinen Sinn ergeben muss, sagt der Hirte: „Entweder hat alles einen Sinn oder gar nichts.“ Wenn das stimmt, gilt es selbstverständlich auch für den Roman selbst. Zähringer erzählt Geschichten mit Witz und Understatement. Doch es ist erst die Kunst ihrer unsichtbaren Verknüpfung, die das Gelingen ausmacht. Auch wenn ein Menschenleben nur ein kosmischer Wimpernschlag ist: Weil es mit allem verbunden ist, ist es bedeutend.









Norbert Zähringer:

Bis zum Ende der Welt. Roman.

Rowohlt, Reinbek 2012.

272 Seiten, 19,95 €.

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