Kultur : Das Leben – ein langer Traum

Neue Stücke aus Europa: Entdeckungen bei der Theaterbiennale in Wiesbaden und Frankfurt

Ruth Fühner

Natürlich waren sie am Eröffnungsabend der Europäischen Theaterbiennale mit 29 neuen Stücken aus 21 Ländern alle in Yasmina Rezas „Spanischem Stück“. Eine berühmte Autorin, ein französischer Filmstar, Bulle Ogier, auf der Bühne, und eine Pariser Inszenierung von Luc Bondy – für viele schien die Neugier auf die von Bonn erstmals nach Wiesbaden umgezogene Biennale damit auch schon befriedigt. Die von Bondy allzu boulevardesk als selbstverliebte Theater-auf-dem-Theater-Petitesse mit rotem Plüsch und öligen Gigololocken dargebotene Reza-Uraufführung (vgl. Tsp. vom 21. Februar 2004) war vielleicht als Zugeständnis gedacht an das schick-konservative Wiesbadener Publikum.

Kein Omen, glücklicherweise. Noch am selben Abend lud die Produktion „Am roten Faden“ zu einer drastischen Geisterbahnfahrt durch die russische Geschichte. Acht junge Musiker und Schauspielerinnen, ein schwarzer Raum, goldenes Licht, Konzertatmosphäre - den Eindruck der Leichtigkeit, ja Schwerelosigkeit trübt zunächst nur der Lehm an den Säumen der Abendkleidung. Der weist direkt in die Weiten der Steppe. Das Stück von Alexandr Shelestzow collagiert Text- und Musikfunde aus einer volkskundlichen Expedition der Achtzigerjahre. Schonungslos erzählt es von der Verrohung einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft. Komische, öfter beklemmende Szenen aus der Sowjetzeit mischen sich mit Folklore und amerikanischen Schlagern zu einem poetischen Panorama Russlands, dem man die tiefe Liebe ebenso anmerkt wie die Verzweiflung. Eine Moskauer Inszenierung von Wladimir Pankow, die eher wie eine Performance wirkt, eine theatralische Gemeinschafts-Expedition auf der Suche nach den Wurzeln russischer Gegenwart.

Scheinbar ganz im Überall und Heute spielt „Stop the Tempo“. Die junge rumänische Autorin Gianina Carbunariu hat es speziell für einen jener Clubs geschrieben, in denen sich Bukarests freie Theaterszene tummelt. Man tanzt, spricht englisch, sucht den Kitzel sexueller Begegnung – bis ein Autounfall das Tempo zusammenbrechen lässt und drei Zufallsbekannte zu einer Art anarchischer Attac-Vorhut zusammenschmiedet. Einen nach dem anderen hängen sie die Bukarester Szeneclubs (und damit auch die eigene Spielstätte) vom Stromnetz ab: ein Versuch der Verlangsamung und Verdunkelung, den zwei von ihnen mit dem Tod bezahlen. „Stop the Tempo“ ist eine depressive Tragikomödie; nur mit Taschenlampen schneiden die Akteure die Gesichter des jeweils Sprechenden aus dem Dunkel heraus, Totenmasken, die von Diskolichtern oder Autoscheinwerfern getroffen werden. Bestes armes Theater.

Aus Istanbul kam als einer von zwei türkischen Beiträgen „Das Haus. Ein kakophonisches Stück“: eine weitere Arbeit einer jungen Autorin, Yesim Özsoy Gülan, die auch Regie führt. Spielort in Wiesbaden ist ein ganzes Stockwerk des Nassauischen Kunstvereins, das Bühnenbild eine begehbare Installation: Tische und Teppiche an der Decke fixiert, das Bett an der Wand. Doch je konflikthafter das Zusammenleben in diesem metaphorischen „Haus“ wird, desto mehr Ordnung entsteht paradoxerweise aus der Entropie. Die Besitzer wollen das Haus abreißen, die beiden alten Mieterinnen es erhalten. Loukoum und Lollipops werden an das im Kreis sitzende Publikum verteilt – doch eindrücklicher schlägt sich die Reibung zwischen Beharrung und Abrisswillen in einer Sprache nieder, die die Süße der orientalischen Poesie mit Frost überzieht und vom Dialog nur Scherben übriglässt.

So nimmt Yesim Özsoy Gülans „Haus“ eine Mittelposition ein zwischen der Suche nach dem Eigenen und dem Aufgehen im Globalen, die zum Beispiel das russische und das rumänische Stück markieren. Gemeinsam ist ihnen ein tiefes Misstrauen in die Sprache als Verständigungsmittel; Fragment und Monolog triumphieren in einer verjüngten östlichen Moderne, während die „Spanischen Stücke“ des Westens vor lauter postmodernem Selbstzitat ganz schön alt aussehen.

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Ganz schön alt sieht zunächst auch Spaniens neuer Stück-Beitrag aus. Denn Alberto Boadella, seit seiner Opposition gegen das Franco-Regime legendärer Autor und Regisseur aus Barcelona, lädt mit seiner ebenso legendären Gruppe Els Joglars in Commedia dell’Arte-Kostümen zur Begegnung mit einer 400 Jahre alten Farce von Miguel de Cervantes ein. Die Akteure spielen die Geschichte jenes „Wunderbaren Altarbildes“, das eine Gruppe von Komödianten den zahlenden Betrachtern vorführt. Das Bild freilich existiert nur als Schwindel, es heißt, man könne es nur sehen, wenn man reinen Glaubens und untadeliger Abkunft sei. Weshalb die betrogenen Bewunderer das unsichtbare Bild rühmen, um nicht selbst als ungläubig oder unehelich zu gelten: eine Variante also von des Kaisers neuen Kleidern. Boadella und Els Joglars transponieren diese alte Geschichte nun mittels einer Zukunftsvision in unsere Gegenwart, und auf dem Altar des Zeitgeistes wird sogleich neuen Wundern und Bildern geopfert. Einen verrückten Schrottbastler machen die Einbildungen des Kunstbetriebs zum hochbezahlten Genie; und der erste 6-Sterne-Koch der Welt serviert nur noch die Geräusche eines Trüffelhobels („Man isst auch mit den Ohren!“) oder ein Menü aus Luft („Langustenhauch an einer Mandarinenbrise“).

Ein komödiantisches Soufflé nach vielerlei politisch-privaten Abgrundgeschichten aus dem neuen alten Europa: ob Milena Markovics „Schienen“ aus Belgrad (über die vergewaltigten, mordenden, träumenden Kinder des Balkankrieges), ob Marius von Maienburgs deutsches „Kaltes Kind“ (über Familie, Exhibitionismus und Klo-Sex) oder das flämische, a capella gesungene Requiem für die Opfer und Wunden des Falles Dutroux („Tief im Wald“, eine hochmusikalische Seifenblase zum bleischweren Thema).

Das wirkliche Schwergewicht dieser von den künstlerischen Leitern Manfred Beilharz, Ursula Ehler und Tankred Dorst von Bonn nach Wiesbaden (und an den Nebenspielort Frankfurt) erfolgreich verpflanzten Stücke-Biennale war dann der Doppelauftritt des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis und seines Jaunais Theaters aus Riga. Der 39-jährige Regisseur, Schauspieler und Autor Hermanis, ein ernster Mensch, der Jeans und T-Shirt so stolz und demütig wie eine Möchskutte trägt, gilt als eine der neuen Begabungen der internationalenSzene.

Mit seiner Collage „Nach Gorki“ hat er das zunächst nur ahnen lassen: Hier werden ein paar Motive aus Maxim Gorkis „Nachtasyl“ kurzgeschlossen mit Videos und Scheinimprovisationen von zwölf Schauspielern, die sich in einem gläsernen Laborkasten mit Gelaber, Gerangel, Gummimattenschlachten, Nudelmampfen oder etwas Auskotzen quasi selbst darstellen sollen wollen. Aber zweieienhalb Stunden doch nur „Big Brother“ spielen, so endlos beliebig, so langweilig. Ganz anders „Das lange Leben“, auf der (Hinter-)Bühne des Schauspiels Frankfurt gezeigt: Fünf junge Akteure verwandeln sich in großartig stummem (keuchendem, hustendem, mammelndem) Spiel in alte Bewohner einer Armenhaus- und Kleinbürgeretage – in einem von circa tausend (!) Requisiten gefüllten lebenden Museum lettischer, postsozialistischer Tristesse. Eines langen, wundersamen Tages Reise in die Nacht, zwischen Debilität und rührender, zäher Lebensbehauptung, immer mit virtuoser Demut und manchmal entsetzlicher Komik dargeboten. Ein Endspiel des langen Lebens – man wird es nächste Saison auch im Berliner „HAU“ mit Neugier und Bewunderung wiedersehen. Peter von Becker

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