Kultur : Das Leben ein Raum

Alexander Langs erstaunliche „Nachtasyl“-Inszenierung zeigt im Berliner Maxim Gorki Theater einen Ort für Existenz-Träume

Christoph Funke

Auf dem Grunde, im Asyl der nur der sozial Gescheiterten – oder auf dem Grunde aller Lebensmöglichkeiten überhaupt? Regisseur Alexander Lang löst Maxim Gorkis „Nachtasyl“ (von 1902), das eine Schar Russen der Jahrhundertwende auf der untersten Existenzstufe versammelt, im Berliner Maxim Gorki Theater aus ihrer Zeit und aus dem Milieu. Lang will in einer eigenen Spielfassung des Stücks die Selbstfindung von Menschen zeigen, die in einem besonderen, eher philosophischen als materiell bestimmten Raum eine Weile miteinander leben.

Diese seltsam aus der Bahn Geworfenen, die sich vielleicht nur eine Auszeit zum Nachdenken, zum Grübeln genommen haben, sind seltsam entrückt, künstlich, marionettenhaft, finden erst allmählich Charakter und Kontur. Ein großes Warten beherrscht den nächtlichen, silbern-metallisch gerahmten Raum mit einer Säulenreihe und ein paar niedrigen Podesten (Bühne und Kostüme Peter Schuster). Alles wirkt sauber, aufgeräumt, steril, es gibt in diesem Asyl kein Bett und kaum ein Requisit. Lang macht aus Gorkis Text einen Gedankenstrom, in dem die Handlungen nur noch zitiert werden. Es gibt kein Drinnen und kein Draußen, viele Nebenfiguren fehlen, und Luka, Gorkis geheimnisvoller Pilger, ist eine Frau.

Was zunächst verstört, bringt dann eine Fülle von Entdeckungen. Die Nachtträumer lösen sich, jeder für sich, aus der Erstarrung. Sie erzählen, sie leben ihre Geschichte vor und verbinden sie mit den Fragen, Erlebnissen, Ängsten der anderen. Das ist, als lösten sich aus einem Orchester lauter Solostimmen. Das Elend, die Armut sind nur noch ein fast zufälliger Grund für eine dunkel faszinierende Beichte über das Misslingen von Lebensentwürfen, hinter denen doch tapfere, begeisternde Anläufe stecken.

Mit Luka als „Pilgerin“ bringt Lang zudem eine neue erotische Spannung ins Spiel. Lukas missionarisches Selbstbewusstsein spielt Margarita Broich eifernd aggressiv und altjüngferlich schmollend zugleich, sie gibt der Figur auch einen dezent parodistischen Einschlag. Wie Lang überhaupt Gorkis Verkündigungen in Frage stellt, nicht besserwisserisch, sondern bitter. Er bricht das Predigen, von wem auch immer, mit der Erfahrung gelebten Lebens.

Und dieses Leben offenbart sich in einem verschworenen Ensemble. Silvio Hildebrandt als Bubnow verkörpert den ragend ruhigen, von seiner Umwelt fast unberührten Grübler, Michael Wenniger hat als Baron mit wehenden Frackschößen dagegen das Verwaschene eines sich selbst unsicher gewordenen Menschen, Michael Gitter zeigt als Gorkis Schauspieler eine bullige Leidenschaft, die sich unruhig, fahrig verzehrt. Dazu kommen Felix Rech als Pepel, jung und schmal, kaugummikauend, ein Lässiger, der sich zum Spielball machen lässt, und Julian Mehne, der Schlosser Kleschtsch, mit der Gleichgültigkeit und absichtslosen Bosheit des Missachteten, in dem ein leidenschaftlicher Zorn brennt. Im Mittelpunkt dieser beeindruckenden Männer-Riege aber steht der Satin des Uwe Eric Laufenberg, einer, der aus Apathie, aus gähnender Langeweile sich in den furiosen Auftritt des Entertainers steigert, ein Kluger, der zum Schluss den Versuch macht, davonzufliegen, mit ausgebreiteten Armen.

Besonderes Augenmerk schenkt Langs außergewöhnliche Gorki-Inszenierung den Frauen: Rosa Enskat, die umworbene Natascha, darf ihren Glücksanspruch bis zur erstaunlichen, stürmischen Naivität auskosten, Ruth Reineke ist die Wirtin, verklemmt von Kopf bis Fuß, in hinreißend staksendem Gang, Anna Kubin zeigt die Dirne Nastja mit einer stoischen Verruchtheit, die zugleich kindlich und unberührbar wirkt, trotzig und romantisch. Lang baut aus diesen Ungleichheiten große, musikalisch komponierte Szenen, wechselt von Ruhe zu wilder Bewegtheit, von Anspannung zu Nervosität, wie sie etwa den wild durch den Raum torkelnden Herbergswirt des Ulrich Anschütz umgibt.

Alle in diesem Lebens-Asyl zerren und reißen an den Seilen, mit denen sie gefesselt sind. Keiner findet den Königsweg, und doch ist der Ort des Grübelns am Ende leer.

Nächste Aufführungen am 18. und 19. Oktober.

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