Kultur : Das Leben: ein Tanz

STEFAN STREHLER.

Ein Glückskind ist jemand, bei dem die sonnigen Seiten des Lebens alles andere überstrahlen.Wo andere hart um etwas kämpfen, um es nie zu erreichen, reicht dem Glückskind ein Lächeln, um zu bekommen, was es will.Sasha Waltz ist so ein Glückskind, sagen manche.Und tatsächlich.Wie sie bei der Pressekonferenz vor den Fotografen und Journalisten sitzt, die Füße im Schneidersitzein Kragen unter der Strickjacke verrutscht, während des Redens ständig gestikulierend, um ihre oft rätselhaften Wendungen zu unterstreichen, gewinnt man den Eindruck, als werde hier ein wahr gewordenes Märchen gespielt.Immerhin ist die kleine, energische Frau demnächst Intendantin eines legendären Theaters und man fragt sich, wie sie das werden konnte, wo sie doch nicht mal genau sagen kann, worum es in ihrem neuen Stück geht.

Nachdem sie eine Stunde lang von den dreiwöchigen Proben in Russland, auf dem früheren Landgut von Stanislavskij, erzählt hat, wird sie gefragt, ob sie noch einmal etwas Inhaltliches über das Stück sagen kann."Aber ich habe doch jetzt den ganze Prozeß erklärt", entgegnet sie trotzig.Ihr künstlerischer und privater Partner, Jochen Sandig, schaltet sich ein und versucht zu vermitteln."Ich glaube, es ist dieses Mal ein sehr stilles Stück.Anders als die anderen, nicht Sasha?" Sie stutzt kurz, bevor sie laut und knapp "Nö" sagt.Dann wirft sie ihren Kopf von rechts nach links, so daß die halblangen Haare für einen Moment einen tanzenden Schweif bilden."Nicht unbedingt", fügt sie hinzu, als der Kopf wieder stillsteht.Gleich darauf lächelt sie wieder, und sieht dabei aus wie eine Mischung aus Trotzkopf und Königin..Worum es in dem Stück genau geht, weiß immer noch niemand, aber die Anwesenden lachen mit ihr.

Sasha Waltz hat hart gearbeitet, um dahin zu gelangen, wo sie jetzt ist.Bevor die gebürtige Karlsruherin 1990 nach Berlin kam, hat sie als Tänzerin eine siebenjährige Ausbildung in allen Teilen der Welt absolviert.Das Berlin nach dem Mauerfall war für sie dann genau der Ort, den sie brauchte, um als Choreographin eine eigene Tanzsprache zu entwickeln.Ihre erste große Premiere 1993 war gleich ein Erfolg.Das Publikum war von dem alltagsnahen, surrealen Witz begeistert und die Kritiker schrieben, Sasha Waltz habe eine "choreographische Sprache entwickelt, die ruppig ist und leidenschaftlich, schmerzvoll und skurril, aggressiv und ironisch, aufgeladen mit Sex und voller Absurditäten: eine wilde, traurige, wütende, häßliche Schönheit." Drei Jahre später wurde sie zum Theatertreffen eingeladen, was für eine Tanz-Off-Künstlerin eine ungewöhnliche Auszeichnung ist.Und so war es zwar überraschend, aber nicht abwegig, als sie Anfang diesen Jahres, das Angebot bekam, gemeinsam mit Thomas Ostermeier (dem erfolgreichen Leiter der DT-Baracke) die Intendanz an der Schau-bühne zu übernehmen.

Wenn Sasha Waltz darüber spricht, wie es ist, von einer Off-Spielstätte (den Sophiensaelen in Mitte) zu einem mit vielen Millionen ausgestatteten Stadttheater zu wechseln, dann klingt das reichlich unspektakulär: "Im Grunde mache ich das wegen der Nähe zu einem anderen Regisseur und zu anderen Schauspielern.Was da Neues möglich sein wird, das ist das, was ich am spannendsten finde", erzählt sie."Und natürlich wird so eine Produktion wie jetzt viel leichter fallen.Ich arbeite hier, neben den Tänzern, mit fünf bis sechs Leuten, die vom Bühnenbild über Kostüm bis Lichttechnik alles machen.Da lachen die im Stadttheater nur."

Der Abschied vom Spielort Sophiensaele fällt ihr dennoch schwer.Sie liebt das ruinenhafte Ambiente des ehemaligen Handwerksvereinshauses, und deshalb will sie dort ihre Probebühne auch behalten, wenn sie für ihre Aufführungen und Endproben ab dem Jahr 2000 ans hintere Ende des Kudamms fahren muß.Hat sie nicht Angst, dort den Kontakt zu ihrem jetzigen Publikum zu verlieren? "Man muß unser Publikum ganz gezielt dort hin bewegen.Das muß einfach ein Haus sein, wo unheimlich viel Aktivität ist.Wo Energie ist und wo Menschen sind, wo es brodelt.Dann kommen die Leute auch hin, die sind ja neugierig." Außerdem sei so ein Wechsel nur der natürliche Lauf der Dinge."Mit allem, was man neu macht, muß man etwas anderes hinter sich lassen.Das ist einfach so."

Ihre letzte große Produktion in den Sophiensaelen trägt den Titel "Na Zemlje", das ist russisch und heißt auf deutsch: "Auf der Erde".Waltz wollte ein Stück machen, das nicht auf einem Tanzboden stattfindet, sondern auf Laub, Lehm und am Wasser.Zusammen mit ihrem Bühnenbildner hat sie deshalb ein Stück Natur in die Sophiensaele gezaubert."Es geht mir um die Beziehung zur Natur, und wie Natur heute nicht mehr existent ist.Für mich ist es eine Erinnerung, wie es früher war.Wir sehen überhaupt nicht mehr, wie die natürlichen Prozeße ablaufen.Zum Beispiel wie aus Mehl Brot wird, was da alles passiert, niemand weiß es.Man geht einfach zum Bäcker und kauft Brot." Waltz hat daraus kein sentimentales Stück gemacht, in dem das Ursprüngliche naiv beschworen wird.Wie bei allen ihren Choreographien spielen Gegensätze die wichtigste Rolle.Das Böse und Brutale ist in ihren Arbeiten genauso wichtig wie Harmonie und Liebe.Oft findet es gleichzeitig und direkt nebeneinander statt.

Sasha Waltz tanzt nicht nur mit ihrem Körper, sondern auch in ihrer Sprache.Beim Erzählen springt sie hin und her, bricht fast jeden Satz ab, um den Gedanken woanders wieder anzufangen.Bei den Proben ist sie hingegen klar und präzise.Sie hat eine genaue Vorstellung davon, wie sie die Bilder, die sie in sich trägt, auf die Tanzbühne bringen will.Mit ihren Stücken spricht Sasha Waltz über ihre innerste Welt und Wahrnehmung."Ich kann das gar nicht alles erzählen, was ich ausdrücken will.Es gibt da so viele Ebenen.Ich kann mit Tanz viel mehr als mit Sprache erzählen.Das geht viel tiefer als alles, was ich sagen kann.Sonst wäre ich doch Schriftstellerin geworden".

Öffentliche Voraufführungen von "Na Zemlje" am 9.und 10.November.Premiere ist am 11.November.Weitere Aufführungen: 12.bis 15.und 17.bis 21.November.Beginn ist jeweils um 20 Uhr.Ort: Sophiensaele, Sophienstraße 18.Kartentelefon: 283 52 66

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben