Kultur : Das Leben - ein Traumspiel

Ruth Fühner

Das erste Theater, für das der Student Tankred Dorst seine Stücke schrieb, war eine Schwabinger Puppenbühne. Nicht die große Weltliteratur, keine fein ziselierte Psychologie interessierte ihn, sondern das unbeschriebene Blatt, die Kunstfigur. Nicht Seele und Charakter, sondern Handlung, Körper und Bild waren die Grundlage dieses Theaters - eine Spielart, der Dorst, neben den anderen, die im Lauf der Jahrzehnte dazu kamen, seither treu geblieben ist.

Auch das Fragment "Othoon" gehört in diese Reihe. Nicht umsonst hat Alexander Brill, Regisseur des "Laiensclub" am Schauspiel Frankfurt, sich dieses Stück vom Dichter selbst zur Uraufführung erbeten - nachdem er früher bereits mit Jugendlichen erfolgreich Dorsts "Grindkopf" uraufgeführt und mit Inszenierungen auch von Dorsts "Parzival" und "Merlin" reüssiert hatte.

Nicht nur, dass die überindividuellen Parabeln dieses Welt-Dramatikers sich besonders gut eignen für die stilisierte Spielweise, die Brill für seine jungen Schauspieler entwickelt hat - auch das Thema von "Othoon" ist dem hoch motivierten Ensemble auf den Leib geschneidert: die Entstehung des Ich, die Entdeckung der Welt. "Othoon" geht zurück auf Calderón de la Barcas "Das Leben ein Traum". Doch während bei dem barocken Spanier Traum und Leben am Ende reinlich geschieden werden, vermischen sie sich bei Dorst bis zur Unentwirrbarkeit.

Der erste Teil bleibt dabei noch relativ nah am Original. Ein Königssohn, vom Vater einst verstoßen, weil ihm prophezeit wurde, der Sohn werde ihn ermorden, ist als Wilder in einer Höhle aufgewachsen. Jetzt, da der König alt ist, macht er die Probe auf die Weissagung. Wie wird der Wilde, dieses unbeschriebene Blatt, sich entwickeln: Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse? Alexander Brill verlegt das grausame Experiment in ein stahlgraues Geviert, auf das die Zuschauer von allen vier Seiten herabschauen (Bühne: Henrike Bromber) - ein Zwischending zwischen Spielbrett, Arena und Laborkäfig. Wie von Geisterhand öffnen sich Klappen in den Wänden, die eine neue Figur ins Spiel bringen, eine neue Versuchsanordnung schaffen: die Schwarze mit den überdimensionierten Brüsten, die dem Stummen die ersten Wörter beibringt, den dekadenten Bruder mit dem silberglänzenden Schädel und der lüstern betatschten Schönen, Felix, den kleinen Sohn des Wärters mit wippender Gerte und strengem Halskorsett, den riesigen König mit Kothurnen, wallendem Hermelin und goldener Krone. Und immer unter ihnen der kahlschädelige, bewundernswert präzise und gelenkige Othoon Miroslaw Kanias: erst nicht mehr als ein reagierender, bebender, erschreckter Körper, aber dann, erwachend, ein vollkommen offenes, ein philosophisches Geschöpf. Ein Staunender mit brennenden Augen, die aufsaugen, was die Welt zu bieten hat. Von keiner anderen Emotion getrieben als von verhaltener Neugier, lernt er, mit anderen zu verfahren, wie man mit ihm verfahren ist: wie in einem Experiment, einer sprachlichen und sozialen Versuchsanordnung.

Das Ergebnis sind zwei Tote, darunter der König - und Othoon wird zurückgestoßen ins Dunkel. Im gesamten zweiten Teil lässt Alexander Brill das Theater sich selbst und seine Mittel bespiegeln. Das Labor verwandelt sich in eine Probebühne, Othoons Traum vom Königsein wird Wirklichkeit, das Leben zur Probensituation - oder ist es umgekehrt? Das utopische Moment, das hier bei Dorst auch verhandelt und, wie immer, zum Scheitern verurteilt wird - der Versuch Othoons, eine gewaltlose Gesellschaft einzurichten - gerät darüber in den Hintergrund. Dafür besticht die Atmosphäre, die das Ensemble mit einer ausgefeilten Balance zwischen Alltäglichkeit und Stilisierung erzeugt. Das Leben - ein Traum, die Wörter austauschbar: die Frankfurter Inszenierung treibt Dorsts Verwirrspiel subtil über sich selbst hinaus dorthin, wo alle Gewissheiten sich auflösen. Nur nicht die, dass dieser "Laiensclub" weiter an seiner Erfolgsgeschichte schreibt.

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