Kultur : Das Leben in zehn Minuten

Bahnhofswärter, Kellner und andere Hrabal-Helden: Der Tscheche Jiri Menzel hat endlich wieder einen Film gedreht

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Am liebsten verfilmt er Bücher von Bohumil Hrabal. Bohumil-Hrabal-Bücher tragen Titel wie „Verkaufe Haus, in dem ich nicht mehr wohnen will“, und genauso sind sie. Menzel-Filme sind wiederum ganz anders als Hrabal-Bücher, schon deshalb, weil ein guter Film immer ganz anders als ein gutes Buch sein muss. Das liegt am Medium. Aber beide teilen dieselbe Leidenschaft: Sie betrachten die Welt wie ein Ornithologe einen Ameisenhaufen, hat einmal ein tschechischer Journalist gesagt. Wenn man bei uns von „dem tschechischen Film“ spricht, meint man das Genre des Menzel-Films, diese merkwürdigste Verbindung von Weltweisheit, Einfalt, Bosheit, Poesie und Witz.

Schon Menzels erster Post-Diplom-Film war eine Hrabal-Adaption und hieß „Der Tod des Herrn Baltisberger“. Der Vorgänger hieß „Herr Förster ist tot“. „Der Tod des Herrn Baltisberger“ war die Hauptepisode eines Episodenfilms aus lauter Hrabal-Episoden und wurde damals, 1965, sehr gelobt. Noch mehr gelobt – nämlich mit einem Oscar für den besten ausländischen Film – wurde Menzels erster Großfilm: „Ostré sledované vlaky“, mit der eigentümlich deutschen unhrabal-menzelschen Direktheit „Liebe nach Fahrplan“ genannt. Es handelt sich selbstredend um eine Hrabal-Verfilmung.

Anhand von „Ostré ...“ lässt sich das Wesen eines Menzel-Films sehr gut erklären, und zugleich lässt sich zeigen, warum der Sozialismus keine Menzel-Filme mögen konnte, selbst wenn er sich anstrengte. Obwohl es sich bei „Liebe nach Fahrplan“ gewissermaßen um einen antifaschistischen Widerstandsfilm handelt. Jugendlicher Bahnhofwärter (sehr, sehr jung: Vaclav Neckar!), dessen Vater schon Bahnhofswärter war und dessen Großvater Bahnhofswärter war und dessen Urgroßvater ... beteiligt sich an einem Bombenanschlag auf einen deutschen Nazi-Munitionszug und wird erschossen.

Aber der Sowjetunion gefiel der Film trotzdem nicht, vielleicht weil „Liebe nach Fahrplan“ doch eher vom Geschlechtsleben der Bahnhofswärter handelte, und die Bombe stellte gewissermaßen eine Nebenfolge von Vaclav Neckars sexueller Reifung dar. Die Liebe in einem – schließlich sind wir im Kino – höchst anschaulichen Sinne spielt eine Hauptrolle in fast allen Menzel-Filmen, außerdem ist er ein Sechziger-Jahre-Kind. Und ihm gelingt etwas, was auch Hrabals Sprache schafft: bei größter Direktheit, ja Taktlosigkeit zugleich ein Liebespoet zu bleiben.

Zurück zum Bahnhofswärter. Wer reife Widerständlerinnen liebt, schon weil die jungen Schaffnerinnen mit dem nächsten Zug immer schon weg sind, geht natürlich Risiken (die Bombe) ein. Eine gewisse unheroische Tendenz der Menzel-Filme ist unübersehbar. Andererseits hatte bereits der Bahnhofswärter-Großvater im Alleingang versucht, den deutschen Vormarsch zu stoppen: Er hatte sich auf die Gleise gestellt und wollte die Panzer hypnotisieren. Der antifaschistische Film der Zeit sah anders aus. Heroismen, aus einem gewissen Abstand betrachtet, wirken nicht besonders heroisch. Die Tschechen besitzen eine lange Tradition darin, ihre etwas größeren Nachbarn mit Abstand zu betrachten. Daraus speist sich nicht zuletzt der tschechische Humor, der Witz des Schwächeren. Das ist seine Menschlichkeit.

Jiri Menzel ist gewiss nicht erstaunt darüber, dass das Leben auch ihn manchmal behandelte, als befände er sich mitten in einem Menzel-Film nach einer Vorlage Bohumil Hrabals. Schon mit den Filmtiteln war es merkwürdig. 1968 drehte er „Rozmarné léto“, „Ein launischer Sommer“. Und das wurde er dann auch. Denn er war sehr plötzlich zu Ende und mit ihm die „neue tschechische Welle“ im Kino. Menzels Kollege Milos Forman ging in den Westen, er blieb. Vielleicht auch, weil die Tatsachen zu den Dingen gehören, an die man am allerschwersten glauben kann.

Auf der Berlinale 1990 bekam Jiri Menzel den Goldenen Bären. Für einen Film, den er in dem Jahr drehte, das nach dem Prager Frühling kam. Es war „Lerchen am Faden“, einer der schönsten MenzelFilme, eine Satire über die „Umerziehung arbeitsscheuer bourgeoiser Elemente“. „Lerchen am Faden“ hat den Regierenden auch nicht gefallen, weshalb er 1990 noch immer nagelneu war. Das ist das Gute an Verboten. Aber die Zeit nach 1990 wurde kein neuer Frühling für Menzel, denn dass er Filme nun nicht nur drehen, sondern auch noch finanzieren musste, war ihm unangenehm. Er war nicht gut darin. Darum hat es so lange gedauert, bis „Ich habe den englischen König bedient“ fertig wurde – eine Hrabal-Adaption, natürlich. Die Geschichte eines besonders kleinen, liebeshungrigen Provinzkellners auf dem Weg zum Millionär. „Mit diesem Buch ist die Geschichte des europäischen Romans um ein Meisterwerk reicher“, schrieb „Die Zeit“. Und die Geschichte des Films? Wir werden sehen, heute.

Dass Menzel seit 1994 keinen Film mehr gemacht hat, stimmt aber doch nicht. Wer erinnert sich noch an „Ten Minutes Older“? Dass wir alle zehn Minuten genau zehn Minuten älter werden, weiß jeder. Kaum einen versetzt das in Panik, unverständlich genug. Zum ersten Mal fassten zwei Tschechen (!) Mitte der sechziger Jahre (!) den Plan, genau diese zehn Minuten festzuhalten. In lauter Zehn-Minuten-Filmen. Natürlich durfte man so etwas Unwiederbringliches wie zehn Minuten nur den bedeutendsten Regisseuren überlassen. Aki Kaurismäki, Wim Wenders, Jim Jarmusch, Werner Herzog, Bernardo Bertolucci, Mike Figgis ... und Jiri Menzel natürlich. Die meisten bewiesen, das zehn Minuten eine Ewigkeit sein können. Menzel bewies das Gegenteil: dass unser Leben in Wirklichkeit auch nicht viel länger als zehn Minuten dauert. Dem kleinen Kellner aus dem Provinzhotel „Goldenes Prag“, der den englischen König bedient und darüber schwerreich wird, schwant das auch.

Jiri Menzel , geboren am 23. Februar 1938 in Prag, ist einer der bedeutendsten tschechischen Regisseure.

Sein Spielfilmdebüt Liebe nach Fahrplan

basierte auf einem

Roman von Bohumil

Hrabal und gewann 1968 den Oscar für den besten ausländischen Film.

Seine Hrabal-Adaption, Lerchen am Faden wurde 1970 verboten. Zwanzig Jahre später

gewann der Film den

Goldenen Bären .

Ab 1969 arbeitete Menzel, der auch Schauspieler ist, vor allem fürs Theater und Fernsehen. MItte der siebziger Jahre kehrte er zum Film zurück und drehte unter anderem Die wunderbaren Männer mit der Kurbel .

Sein Wettbewerbsbeitrag Ich habe den englischen König bedient , erneut eine Hrabal-Verfilmung, läuft heute um 16.30 Uhr (Berlinale- Palast), morgen um 9.30 Uhr (Urania), 20 Uhr (International) und 23.30 Uhr (Urania).

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