Kultur : Das Leben ist auch bloß ein Traum

Der Maler Wols hat die Nachkriegs-Kunst miterfunden. Eine Galerie zeigt seine surrealen Fotos

Ulrich Clewing

Wahrscheinlich wird man nie erfahren, wer Nicole Boubant wirklich war. Es gibt keinen Eintrag in einem Lexikon, die Suchmaschinen des Internet versagen, und der Galerist, der das Bild von ihr verwahrt, muss auch passen. Also bleibt einem nichts anderes übrig, als sich an die spärlichen Informationen zu halten, die dieses eine Foto mitteilt. Es wurde um das Jahr 1933 aufgenommen und zeigt eine schöne junge Frau mit blonden Locken und ebenmäßigen Gesichtszügen. Sie ist burschikos gekleidet, trägt – soweit man es erkennen kann – ein helles Jackett, ein dunkles Hemd und einen Schlips und scheint zu schlafen. Vielleicht träumt sich auch nur einen Tagtraum, jedenfalls hat sie die Augen geschlossen und den Kopf leicht zur Seite gedreht, so dass es aussieht, als wende sie sich dem Schmetterling zu, der auf den Brokatstoff gestickt ist, welcher im Hintergrund ihr Antlitz rahmt.

Und man weiß noch etwas über die Unbekannte, der irgendjemand irgendwann den Namen Nicole Boubant verliehen hat. Sie ist mindestens einmal in ihrem Leben einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts begegnet: Alfred Otto Wolfgang Schultze, der sich selbst nur kurz Wols nannte, der Urheber dieses Porträts. Die Epoche der Moderne hat viele herausragende Künstlerpersönlichkeiten hervorgebracht. Und doch ist die Zahl derer, die bahnbrechende Neuerungen schufen, im Rückblick relativ überschaubar. Wols war einer von ihnen: Er erfand die informelle Malerei.

Alfred Otto Wolfgang Schultze wurde 1913 in Berlin geboren. Sein Elternhaus war großbürgerlich, 1919 wurde sein Vater zum höchsten sächsischen Staatsbeamten nach Dresden berufen. Ähnlich wie Paul Klee, der auch lange Zeit zwischen Malerei und Musik schwankte, war Wols eine Mehrfachbegabung. Mit neunzehn Jahren stand er am Anfang einer vielversprechenden Karriere als Violinist. Doch dann entschied er sich für eine Lehre im Atelier der Fotografin Genja Jonas. Später arbeitete er eine Weile in einer Autowerkstatt, besuchte für wenige Wochen das Bauhaus in Dessau und ging danach auf Anraten von Laszlo Moholy-Nagy nach Paris. Dort begann sein Aufstieg, der gleichzeitig sein Abstieg war. Denn Wols war nicht nur ein eminenter Erneuerer der Kunst, er war auch einer ihrer größten Tragiker, darin vielleicht nur noch mit Vincent van Gogh oder dem früh verstorbenen Amadeo Modigliani vergleichbar. In Paris angekommen, versuchte er sich als Fotograf durchzuschlagen und zehrte ansonsten von dem Vermögen, das ihm sein Vater hinterlassen hatte. Da in Deutschland mittlerweile die von ihm verabscheuten Nationalsozialisten an die Macht gelangt waren, kam eine Rückkehr für Wols nicht in Frage.

Flucht ohne Ende

In Frankreich wiederum galt er als unerwünschter Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung – ein Umstand, durch den er mehr als einmal in Konflikt mit den Behörden geraten sollte. 1935 wurde Wols nach einer Reise nach Ibiza in Barcelona für drei Monate inhaftiert und anschließend nach Frankreich abgeschoben, bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges musste er über ein Jahr in Internierungslagern in Südfrankreich verbringen. Danach folgte für mehrere Jahre eine Flucht sowohl vor den Franzosen als auch vor den Deutschen. Die Tortur besiegelte sein Schicksal: Wols verfiel dem Alkohol und starb 1951 nach etlichen vergeblichen Entziehungskuren im Alter von nur 38 Jahren völlig verarmt in Paris.

In seinen lichten Momenten dazwischen fertigte er jene Arbeiten, die man heute in den besten Museen der Welt finden kann: die kleinen, oft bloß handtellergroßen Strichzeichnungen und Ölgemälde, in denen er die abstrakte Malerei ganz neu formulierte und einen Stil vorwegnahm, der zehn, fünfzehn Jahre später das internationale Kunstgeschehen dominierte wie keine künstlerische Bewegung zuvor. Wols war ein Künstler für Künstler: Als Angehöriger der Boheme fristete er ein Dasein am Rande des Existenzminimums, seine Werke waren zu seinen Lebzeiten so gut wie unverkäuflich, doch seine Wirkung auf seine Malerkollegen war enorm. Das trifft auch auf die Fotografien zu, die in den Dreißigerjahren entstanden und jetzt in der auf Foto-Klassiker spezialisierten Galerie Berinson zu sehen sind.

Es sind bloß sieben Bilder, aber diese sieben Bilder zählen zum Seltensten, das der Kunsthandel überhaupt zu bieten hat. Zwar hat Wols viel fotografiert, in seinem Nachlass befinden sich Hunderte von Negativen, doch eigenhändig entwickelt und abgezogen hat er mangels Nachfrage nur die wenigsten davon. Experten schätzen, dass von jenen Vintage-Prints lediglich zwanzig bis dreißig Exemplare überhaupt überliefert sind, ausschließlich Einzelstücke. Sie stammen fast ausnahmslos aus Wols surrealistischer Phase: meist Stillleben von unverwechselbarer Eigenständigkeit und morbider Schönheit. Zwei Schweinsnieren vor einem Stoff mit Paisley-Muster; ein Kaninchen-Skelett mit Mundharmonika; drei Knoblauch-Zehen, die sich mit etwas Fantasie als ein Gesicht lesen lassen; eine Puppe und eine offene Auster auf teerschwarz glänzenden Pflastersteinen – allesamt rätselhafte Bilderfindungen, die sich dem Betrachter tief ins Gedächtnis einschreiben.

Die Ironie der Geschichte will, dass diese Fotos, für die Wols seinerzeit keine Abnehmer fand, inzwischen astronomisch teuer sind: 150 000 Euro pro Exemplar. Schwer zu sagen, ob dem Künstler das gefallen hätte. „Der Mensch“, schrieb Wols in einem seiner Aphorismen, „sieht alles im Hinblick auf den menschlichen Nutzen, und so kommt es, dass er die Dinge an sich nicht begreift.“

Galerie Berinson, Auguststraße 22, Di bis Sa 14-19 Uhr, bis 25. Januar.

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