Kultur : Das Leben ist schöner

Nach Bagdad: Benignis Film erzählt von einer Liebe im Nachkriegschaos

Harald Martenstein

Roberto Benigni, der italienische Regisseur, Schauspieler und Autor, hat zwei Mal den gleichen Film gedreht. Im ersten Fall hieß er „Das Leben ist schön“.

Dieser erste Film, der viele Preise erhalten hat, darunter einen Oscar, spielt während des Faschismus. Ein jüdischer Kellner wird mit seinem kleinen Sohn in ein Konzentrationslager gesperrt. Dies geschieht ungefähr in der Mitte des Films, der bis dahin eine klamaukhafte Komödie war. Aus Liebe zu seinem Sohn verleugnet der Vater die Todesgefahr. Er erklärt dem Kind, dies alles sei nur ein Spiel. Es ist die Unschuld einer Kindheit und des kindlichen Blicks, um deren Rettung es in diesem Spiel geht. „Das Leben ist schön“ wurde als eine Art Wunder gefeiert, als gelungene Komödie zum Thema Holocaust – aber das ist er gar nicht. In seiner zweiten Hälfte nämlich verwandelt sich „Das Leben ist schön“ von der Komödie in ein Märchen. „Das Leben ist schön“ handelt in erster Linie nicht vom Todeslager, sondern von der Liebe, die erfolgreich Berge versetzt, und von der Fantasie, die stärker sein kann als die grausamste Wirklichkeit. „Konzentrationslager“ bedeutet hier: die schlimmste vorstellbare Situation.

In „Der Tiger und der Schnee“ führt die gleiche Geschichte vom heutigen Italien in den heutigen Irak. Benigni ist diesmal ein geschiedener Lektor und Autor. Die Frau, die er liebt (gespielt von Nicoletta Braschi, die mit Benigni verheiratet ist), reist in den Irak, um einen Dichter zu interviewen (Jean Reno). Bei einem Attentat wird sie schwer verletzt, sie liegt im Koma, ein Krankenhaus im Nachkriegs-Chaos von Bagdad, der Tod eine Frage von Stunden, bestenfalls Tagen. Die Hauptfigur gibt sich als Chirurg aus, mit einer Hilfsorganisation schafft es Benigni nach Bagdad – nein, der Film wurde nicht an den Originalplätzen gedreht.

Ein bestimmtes Medikament, sagen die Ärzte, könne die Patientin vielleicht retten. Der Professor macht sich auf die Suche. Er tut dabei so, als sei Bagdad eine normale Stadt. Minen, Straßensperren, Attentate, Selbstmord, das alles sind nur noch komödiantische Effekte. Wieder ignoriert ein Mann aus Liebe die Wirklichkeit, wieder gibt es die Nebenfigur eines gutmütigen, hilflosen Freundes, damals gespielt von Horst Buchholz, diesmal von Jean Reno, wieder soll die Fantasie eine mörderische Politik besiegen (und wieder schafft sie es).

Warum ist „Der Tiger und der Schnee“ der schwächere Film? Die Person, um die es geht, ist im einen Fall ein Kind, im anderen Fall eine Frau, die im Koma liegt und von der wir nicht viel wissen. Ihr Schicksal bewegt uns deutlich weniger als das Schicksal des Kindes. Vor allem haben wir „Das Leben ist schön“ aus der Kinderperspektive gesehen, hier aber schauen wir mit erwachsenen Augen. Dieser Blick tut den Kalauern, den Albernheiten und dem unaufhörlichen Gerede von Roberto Benigni nicht gut. Auch die Gegenposition ist schwächer besetzt – die Nazis in „Das Leben ist schön“ waren, wie immer, das perfekte Böse, die Stadt Bagdad dagegen ist lediglich gefährlich und unübersichtlich.

Je länger der Film dauert, desto stärker geht einem die Hyperaktivität seines Hauptdarstellers auf die Nerven, desto stärker wünscht man, dass auch einmal etwas ungesagt bleibt, und desto stärker wird der Gedanke, dass man der Komapatientin nach ihrem Erwachen einen etwas weniger anstrengenden Lebenspartner wünscht als ausgerechnet diesen. Der Film möchte mit aller Kraft skurril und liebenswert, poetisch und politisch sein, er gibt ununterbrochen Vollgas. Wer aber alles will, kriegt am Ende meist gar nichts. So ist es auch hier.

19. 2., 19.30 Uhr (Berlinale-Palast)

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