Kultur : Das Leben ist senkrecht

Visionen für Ground Zero: Sieben Architekturbüros stellen in New York ihre Pläne vor

Matthias B. Krause

New York ist entschlossen, sich nach der Zerstörung des World Trade Centers ein neues, größeres, machtvolleres Wahrzeichen zu setzen. Sieben Architekturbüros von internationalem Rang präsentierten in Manhattan nun ihre Beiträge für diese Vision. Unter den im World Financial Center vorgestellten Entwürfen finden sich vier, deren Türme die alten um bis zu 300 Meter überragen. Gleichzeitig bleiben die Fundamente der Gebäude, in denen bei den Anschlägen vom 11.9.2001 rund 2800 Menschen starben, als Gedenkstätte erhalten.

Den größten Beifall erhalten bisher die Pläne des in Berlin lebenden Daniel Libeskind und des Briten Norman Foster. Libeskind plant einen 533 Meter hohen Turm, dessen 20 oberste Stockwerke von einem vertikalen Park gekrönt werden. Dieser „Garten der Welt“ sei eine ständige Beteuerung des Lebens, so Libeskind. Herbert Muschamp, Architekturkritiker der „New York Times“, lobt daran die „perfekte Balance zwischen Aggression und Begehren“. Das Bauwerk wäre das weltweit höchste: 116 Meter höher als das World Trade Center, 82 Meter höher als der derzeit höchste Wolkenkratzer in Kuala Lumpur. Neben einem Museum plant Libeskind einen „Platz für Reflexionen“, auf den das Sonnenlicht am Morgen jedes 11. September ohne Schatten einfallen kann.

Auch Norman Foster träumt von einem Bauwerk, das „das sicherste, grünste und höchste der Welt“ wird. Der Architekt der Berliner Reichtagskuppel sieht Zwillingstürme vor, die auf der Grundstruktur eines Dreiecks basieren und sich an drei Stellen berühren – „Küssen", so Foster. Eine hochflexible vertikale Stadt soll dort entstehen, konstruiert nach ökologischen Gesichtspunkten. Die „Fußabdrücke“ der zerstörten Türme würden als Voids erhalten bleiben, als leere, unbegehbare Räume, die nur den Blick in den Himmel zulassen.

Am höchsten hinaus will die Architektengruppe THINK mit Frederic Schwartz, Rafael Vinoly, Shigeru Ban und David Rockwell. Sie plant zwei der DNS-Doppelhelix nachempfundene Zylinder, die knapp 700 Meter in den Himmel ragen: ein „Welt-Kulturzentrum“, das über den Grundmauern der Zwillingstürme schwebt, ohne sie zu berühren. 8,5 Millionen Besucher soll es jährlich anlocken. Drei weitere Pläne gehen der Idee der Himmelsstadt nach. Die von Richard Meier und Peter Eisenman angeführte Architektenguppe favorisiert eine Konstruktion mit fünf Wolkenkratzern, die durch drei mächtige horizontale Ebenen verbunden sind. Dabei sind zwei Türme im rechten Winkel zu den übrigen angeordnet, und die horizontalen Ebenen berühren sich in der Nordostecke beinahe – wie zwei ausgestreckte Hände.

Noch mächtiger kommt die „Sky-City“ der United Architects daher. Ihre fünf Türme sollen sich auf Höhe der 60. Etage vereinigen und so einer ausgewachsenen Stadt in der Stadt Platz bieten. Ein ähnliches Konzept verfolgt auch die Gruppe SOM mit Kazuyo Sejima, Ryue Nishizawa, Ingio Manglano-Ovalle und Rita McBride. Ihre Türme werden jeweils von Dachgärten gekrönt. Vergleichsweise konventionell fällt dagegen der Entwurf des New Yorker Büros Peterson/Littenberg aus: zwei Türme nach Art des Empire State Buildings. John Whitehead, Vorsitzender der verantwortlichen Entwicklungsgesellschaft LMDC, spricht insgesamt jedoch von Plänen, die „nicht nur für unsere Zeit, sondern für alle Zeiten“ gedacht seien. Und die „New York Times“ lobt die architektonische „Feier des vertikalen Lebens“ – frei nach einem Motto des Designers Buckminster Fuller: „Vertikal heißt zu leben, horizontal heißt zu sterben.“ Allerdings bezweifelt die Zeitung die Realisierbarkeit der Vorschläge. Das letzte Wort hätten ohnehin die Investoren. Auch Joseph J. Seymour, Chef der Port Authority, der das Gelände gehört, räumt ein, dass die tatsächliche Wiederbebauung „von der Finanzierung und vom Markt“ abhänge.

Das nächste Wort haben jedenfalls die New Yorker. Bereits nach der Planungsrunde im Juli hatten sie die damaligen Entwürfe als zu kommerziell und ignorant gegenüber den Toten abgelehnt. In den Hearings war der nun berücksichtigte Wunsch aufgekommen, die „Fußabdrücke“ der zerstörten Zwillingstürme unbebaut zu lassen. Das nächste Hearing steht ab dem 13. Januar auf dem Terminkalender Manhattans. Und am 31. Januar wird die LMDC dann den Gewinner dieser zweiten Ideenrunde bekannt geben.

Die Pläne im Internet: www.renewnyc.com , www.lowermanhattan.info

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