Kultur : Das Leben, kein Traum

Marie Zimmermanns Vermächtnis: Theater aus allen Himmelsrichtungen bei den Wiener Festwochen

Christina Kaindl-Hönig

Drei Männer mit nacktem Oberkörper auf einer hölzernen Bank. Über ihnen ein einsam strahlender Stern, um sie der zarte Gesang der Maori. Eine junge Russin sieht im Vorbeigehen in einen kleinen Spiegel – ungläubiges Erschrecken. Ekel in ihren traurigen Augen. Fünf koreanische Tänzerinnen breiten die Arme aus und beginnen, Derwischen gleich, sich immer schneller um die eigene Achse zu drehen. Momente, an denen sich das Selbstvergessen entzündet. Augenblicke, in denen das Theater zu jenem embryonalen Rückzugsort wird, aus dessen bergender Dunkelheit man, beim Erwachen, der Realität mit geschärfter Wahrnehmung begegnet, als würde man die Welt für einen kurzen Moment neu sehen können.

„Das Leben. Kein Traum“ – dieses Motto könnte, so sagte Schauspieldirektorin Marie Zimmermann vor ein paar Monaten, über den diesjährigen Wiener Festwochen stehen. Und: „Man sollte dem Programm nicht ansehen, dass es mein letztes ist“, war sie doch als Intendantin ab 2008 zur Ruhr-Triennale berufen worden. Ende April nahm sich Marie Zimmermann in Hamburg das Leben. Trauer und Bestürzung über ihren tragischen Tod überschatten die Festwochen, die Intendant Luc Bondy nun seiner „großen Freundin“ gewidmet hat.

Marie Zimmermann, die unermüdlich durch die globalisierte Theaterwelt gereist war, hinterlässt eine enorme Programmfülle. Neunundzwanzig Produktionen aus achtzehn Ländern spiegeln ihre Neugierde auf Themen und Theatersprachen an den Rändern der europäischen Mitte. Im Unkonventionellen abseits des Mainstreams, im Fremden, das nur innerhalb eines internationalen Festivals die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums erreichen kann, schürfte Zimmermann nach gesellschaftspolitisch brennenden Themen. Bei allem Engagement besaßen die in den ersten Wochen des Festivals gezeigten Produktionen in der Auseinandersetzung mit der konkreten Wirklichkeit jedoch nur wenig überzeugende ästhetisch-theatralische Ausformungen.

Zwar spiegelt sich der Alptraum des Lebens, wenn die bosnische Regisseurin Aida Kariÿ Euripides’ „Die Troerinnen“ von 415 v. Chr. mit dem Schicksal koreanischer „Trostfrauen“ im Zweiten Weltkrieg zu einer düsteren Meditation über die Tradition sexueller Gewalt an Frauen in Kriegszeiten verwebt. Doch bleiben deren Schicksale in zeichenhaften Gesten, fließenden Tanzbewegungen und dem eindringlichen Gesang einer Pansori-Sängerin fremd. Die Klage der antiken Kassandra – Kriegsbeute der Sieger – vermischt sich mit den Erzählungen unsagbaren Leidens koreanischer Frauen, die von japanischen Besetzern verschleppt und zur Prostitution in Kriegsbordellen gezwungen worden waren. Über Generationen schwelen die Traumata bis heute. Deren unmittelbarer Ausdruck, in der Stilisierung in ein allzu enges Korsett gezwängt, versiegt jedoch in einer ritualisiert-archaischen Theatersprache.

In ebensolch exotischer Distanz bleibt der Bericht des authentischen politischen Widerstandskämpfers Tame Iti, eines Maori vom Stamm der Ngai Tuhoe. Der neuseeländische Regisseur Lemi Ponifasio lässt ihn unter dem Titel „Tempest – Sturm“ auf einer dunklen, leeren Bühne im Wiener Museumsquartier seine Lebensgeschichte erzählen: vom kolonialen Zwang, die eigene Identität in Form der traditionellen Sprache aufgeben zu müssen, und vom Kampf um das Land der Ahnen. Zusammen mit neun Tänzern vollführt er den traditionellen Haka. Ein Kriegstanz zur Einschüchterung des Gegners, begleitet von heftigem Stampfen der Beine, Züngeln, Augenrollen und Sprechgesang. Ponifasio bebildert Vortrag und Tänze mit dem Video von einem öffentlichen Auftritt tanzender Maoris vor Regierungsvertretern und zeigt eine blutbespritzte britische Flagge, was aus einem politischen Statement leider noch keinen Theaterabend macht.

Den einsamen Glanzpunkt am Beginn der Festwochen setzte der lettische Regisseur Alvis Hermanis mit „Sonja“, nach einer Erzählung Tatjana Tolstajas von 1991. In seinem fein ziselierten Hyperrealismus lässt Hermanis zwei Männer die traurig-platonische Liebesgeschichte der hässlichen und beschränkten, doch feinfühligen Sonja im Leningrad der 30er Jahre erzählen (Jevgenijs Isajevs als Chronist). Wenn auch die stumme Darstellung Gundars Abolins’ leicht ins Groteske kippt, seine Sonja mit Lockenwicklern und großen rollenden Augen die Züge eines melodramatischen Stummfilmstars annimmt, so ergibt sich doch im Szenario einer bis ins Detail nachgebauten, armseligen Wohnung eine unsentimentale Nähe zum Schicksal der Einsamen. Bei Hermanis scheint das Theater die Realität an Intensität zu überbieten. Seine geradezu stilbildende Liebe zum Detail fordert auf sinnliche Weise weit mehr Humanismus ein als jene großen politischen Themen, die auf der Bühne Engagement postulieren, ohne theatrale Gestalt anzunehmen.

Nun kommen in Wien noch die großen Namen – auch wenn Peter Zadek seinen Shakespeare („Was ihr wollt“) aus Gesundheitsgründen absagen musste. Luc Bondy hat am 30. Mai mit „König Lear“ (Gert Voss in der Titelrolle) am Burgtheater Premiere, am 7. Juni folgt Frank Castorf mit „Norden“ nach dem Roman von Louis-Ferdinand Céline; eine Koproduktion der Wiener Festwochen mit der Berliner Volksbühne. Eine Endzeitvision am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Infos unter www.festwochen.at

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