Kultur : Das Leben lesen

Alberto Manguel ist neuer Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Berliner FU

Dorothee Nolte

Zur Not tut es auch die Speisekarte. Wenn Alberto Manguel allein im Garten des Literaturhauses sitzt und gerade kein Buch zur Hand ist, liest er eben die Menüfolge durch: „Ich bin süchtig nach Schrift“, sagt er, „ich lese alles.“ Und zitiert sogleich Cervantes, der in seiner Lesewut nicht einmal die Papierfetzen auf der Straße verschmähte.

Lesen – das große Thema des in Buenos Aires geborenen Schriftstellers, der als Kind argentinischer Diplomaten seine ersten Jahre in Israel verbrachte und große Teile des erwachsenen Lebens in Kanada. Seine „Geschichte des Lesens“ (rororo 1999) ist in 32 Sprachen übersetzt worden: ein Spaziergang durch die Vergangenheit unserer wichtigsten Kulturtechnik, von den gehirnphysiologischen Voraussetzungen über die ältesten babylonischen Schrifttafeln bis hin zu Rilkes Gesprächen mit Pariser Buchhändlern. Dabei stellt Manguel persönliche Fragen wie: Kann man sich von Büchern trennen? Wo liest man am liebsten? Wie muss sich das Papier, der Einband anfühlen? Ein Buch, das von der Liebe zur Schrift durchdrungen ist, ohne im Mindesten schulmeisterlich zu sein.

Schulmeistern, das liegt Manguel nicht. „Ich habe mal drei Monate lang an einer Universität studiert, das fand ich langweilig“, sagt er, und die kleinen Augen hinter der Nickelbrille ziehen sich hinter Lachfalten zurück. Das Wissen, das in seinen Büchern steckt, ist frei, lustvoll, ohne all die Zertifikate, die Spezialisten ausweisen und ihre Rede legitimieren. Darum fühlt er sich auch ein wenig als Exot, wenn er jetzt selbst die Rolle des Professors übernimmt: Der 55-Jährige ist Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität, der neunte in einer Reihe nach Autoren wie Yann Martel, Marlene Streeruwitz, Kenzaburo Oe und Vladimir Sorokin. Die Professur wurde 1998 gemeinsam von DAAD, FU, S. Fischer Verlag und dem Veranstaltungsforum Georg von Holtzbrinck eingerichtet.

Das Thema von Manguels Blockseminaren lautet, vordergründig, „Borges“. Aber Manguel tut darin weit mehr, als den Studenten den Altmeister der argentinischen Literatur nahezubringen, jenen beinahe blinden Autor, dem er selbst im Buenos Aires der sechziger Jahren als Vorleser dienen durfte. Er wirbelt ihre Kategorien durcheinander. Sie, die gelernt haben, in literarischen Schulen, Epochen, Theorien zu denken, erschrecken geradezu bei der simplen Frage: „Gefällt dir dieser Text?" Persönlich. Privat. Vergnügen. Ein bisschen klingt das wie eine Werbung für die Tätigkeit, die manch einer vom Aussterben bedroht sieht. Doch Manguel betrachtet die Kampagnen zur Leseförderung, wie sie nicht nur in Deutschland seit Pisa aus dem Boden sprießen, mit Skepsis – und vergleicht sie mit den Versuchen der Kirche, ihre Schäfchen mit Gitarren und Kastagnetten wieder in die Messe zu locken. „Das nützt alles nichts, solange die Gesellschaft, die Werbung, die Politiker die Botschaft aussenden: Alles muss schnell gehen, und glücklich ist nur, wer konsumiert. Da schämen sich die Jugendlichen ja sogar zuzugeben, dass sie gerne lesen, denn es bedeutet, Stubenhocker zu sein, Streber. Wir ermuntern sie nicht wirklich zum Denken.“

Manguel lebt heute in Frankreich, "weil ich da billig ein Haus kaufen konnte, wo ich meine Bibliothek unterbringen kann". 30 000 Bände sind es, seine Heimat, sein Schatz. Zwei Romane hat er geschrieben, zahlreiche Anthologien herausgegeben. Je älter er wird, sagt er, desto mehr liest er bereits bekannte Bücher wieder. Die Gier auf Neues hat nachgelassen, der Genuss bei der Lektüre nicht. "Das muss jeder für sich entdecken. Es ist genau wie bei der Liebe: Man kann sie nicht lehren und nicht herbeizwingen."

Alberto Manguel spricht heute um 19 Uhr in den Neuen Kammern Sanssouci über „Sanssouci und der Leser als Garten" (Informationen unter 0331/271 78 0). Am Sonnabend liest er aus seinem bei S. Fischer erschienenen Roman "Stevenson unter Palmen" (Schaubühne, Studio, 20 Uhr 30, Eintritt frei, Reservierung unter 890 023).

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