Kultur : Das Leben nistet in den Übergängen

Meister der komödiantischen Intelligenz: Zum Tod des Berliner Regisseurs und Intendanten Thomas Langhoff.

von

Diese Karriere habe er sich, so erzählte Thomas Langhoff einmal, nur in seinen verrücktesten Träumen ausmalen können. Nach einer welthistorischen Zäsur zum ersten Intendanten eines „gesamtdeutschen Theaters“ zu werden! Zehn Jahre leitete er von 1991 bis 2001 in der Mitte Berlins das Deutsche Theater (DT), die frühere Bühne Max Reinhardts, auch die Bertolt Brechts (vor seinem Umzug an den Schiffbauerdamm) – und einst das Haus seines Vaters. Der „kleine Thomas“, der bei seinen eigenen Anfängen nur ein bis Potsdam gekommener B-Schauspieler und ein mittelprächtiger Akteur und Regisseur für die Defa und das DDR-Fernsehen gewesen war. Doch in den späten 1970er Jahren fand er als Theatermacher seine Berufung, da explodierte ein Talent. In seinen besten Inszenierungen wurde er, von Schauspielern und dem Publikum in Ost und West gleichermaßen geliebt, zu einem Meister des sensuell-intuitiven, mehr von komödiantischer Intelligenz als von intellektuellen Einsichten beflügelten Menschenschicksal-Erzähltheaters.

Mindestens zwei seiner Inszenierungen aber haben auch politisch-kulturell ganz groß Theatergeschichte geschrieben. Im Jahr vor dem Zusammenbruch der DDR, 1988, kam nach vielerlei Kämpfen mit der Zensur am Ostberliner Maxim Gorki Theater die Uraufführung von Volker Brauns „Die Übergangsgesellschaft“ heraus. Titel und Tenor des Stücks und von Langhoffs furioser Inszenierung wurden zum Fanal. Als eine ins DDR-Milieu übertragene Weiterdichtung der „Drei Schwestern“ und anderer Motive Anton Tschechows spielte da eine Gesellschaft bereits ihr: Endspiel. Nichts ging mehr. Aber indem so etwas im Theater möglich war, schien draußen im Leben plötzlich alles möglich.

Nur wenige Wochen nach der Wiedervereinigung inszenierte Langhoff im Herbst 1990 dann Kleists „Zerbrochenen Krug“ am Deutschen Theater, als dessen künftiger Intendant. Jörg Gudzuhn gab darin den korrupten Dorfrichter Adam als energischen, komisch dreisten Überlebenskünstler. Aber es wurde auch klar: Adams hinterwäldlerisches Kaff Huisum geriet zum Sinnbild der untergegangenen DDR, der aus Utrecht angereiste Gerichtsrat Walter war selbst in Gestalt des ostdeutschen Darstellers Klaus Piontek der Revisor aus dem Westen. Im Gewand der klassischen Komödie erschien dieses Spiegelbild im eben noch führenden Staatstheater der eben noch existenten DDR durchaus kühn. Doch völlig unplakativ und zeigefingerfrei spielte der listige Langhoff – nichts als puren Kleist.

Sein Vater, der Berliner Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff, war nach zehn Monaten im KZ als Nazigegner früh in die Schweiz geflohen. Thomas Langhoff, 1938 im Züricher Exil geboren, kam mit der Familie dann 1945/46 nach Ost-Berlin. Die Langhoffs gehörten wie die Schriftstellerin Anna Seghers oder der Autor und Kulturminister Johannes R. Becher und natürlich Brecht und Helene Weigel zum antifaschistischen „Kulturadel“ der DDR. Aber Thomas und sein jüngerer Bruder Matthias Langhoff, gleichfalls Theaterregisseur, wurden anders als die meisten ihrer Alters- und Berufsgenossen in der DDR nie zu gläubigen oder kaltschnäuzigen Brechtianern, vor allem Thomas blieb alles Ideologisch-Dogmatische fremd.

Dabei spielte auch die Verletzung eine Rolle, die der Vater durch seine 1962 von Ulbricht betriebene Absetzung als Intendant des Deutschen Theaters erfuhr. Wolfgang Langhoff hatte Peter Hacks’ „Die Sorgen und die Macht“ aufgeführt, und nach dem Mauerbau sorgte die Macht dafür, dass selbst systemfreundliche Kritik rigoros unterdrückt wurde. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 gehörte dann auch Thomas Langhoff zu den Künstlern, die zumindest für sich selbst die Öffnung zum Westen suchten und denen die Arbeit im Ausland auf Widerruf gewährt wurde.

Die Chance nahmen beide Langhoff-Brüder wahr, Matthias bildete ein schnell erfolgreiches Regie-Duo mit dem Kollegen Manfred Karge, Thomas Langhoff machte als Inszenator seine Solo-Karriere: von Hamburg, Frankfurt/Main und Wien bis München. Dort, an den Münchner Kammerspielen, reüssierte er am deutlichsten mit den glänzenden Akteuren des damaligen Dieter-Dorn-Ensembles. Mit Cornelia Froboess, Elisabeth Schwarz, Felix von Manteuffel und Manfred Zapatka gelang ihm 1981 ein grandioser „Platonov“ von Tschechow und 1984 eine erstaunliche „Emilia Galotti“ mit der glühend jungen Sunnyi Melles als Lessings plötzlich gar nicht mehr kleinbürgerlich bigotte Titelheldin. Man hat das auch beim Berliner Theatertreffen sehen können.

Als Langhoff drei Jahre später bei den Salzburger Festspielen Schnitzlers „Einsamen Weg“, ein heißkaltes Machomänner-Drama, hart und doch mit einem Rest Herzenswärme für die Frauen inszenierte und dazu Heinz Bennent, Helmuth Lohner, Cornelia Froboess, Anne Bennent und Christoph Waltz ins Feld führte, war er auch selber längst ein Star. Nur so wagte er kurz darauf die „Übergangsgesellschaft“, und mit diesem Können und Prestige ging er später als Chef ans Deutsche Theater. An ein Theater in Berlins offener Mitte, in dem sich plötzlich zwei Welten begegneten.

Im Publikum hatte es die vereinigende Durchmischung allerdings leichter als im Ensemble. Ost- und Westdramaturgen rieben sich, Schauspieler aus dem Westen konnten sich dort zunächst kaum durchsetzen, gleichzeitig klagte Langhoff mächtig über die schlechteren Gehälter der Ostkollegen, hatte für sich selbst aber die höchste Intendantengage der gesamten Republik ausgehandelt. Seine Inszenierung von George Taboris „Mein Kampf“ (mit Götz Schubert) machte Langhoff am Maxim Gorki Theater zuvor noch zum Dauerrenner, aber die ihm wichtigen Stücke beispielsweise von Botho Strauß konnte Langhoff an seinem DT nie zum Leuchten bringen. Während Frank Castorfs Volksbühne mit der Post- und Ostmoderne voranrockte und im Westen das Schiller-Theater geschlossen wurde, blieb Langhoffs DT immerhin ein ruhender Pol der Berliner Szene.

Produktive Unruhe gelang ihm freilich auch da – als er in den 90ern die DT-„Baracke“ als Werkstattbühne für den Jungregisseur Thomas Ostermeier einrichtete. In den letzten zehn Jahren als freier Regisseur hat er in Wien mit Gert Voss gearbeitet, am Berliner Ensemble gelang ihm unter anderem eine starke Version von Botho Strauß’ heikler „Schändung“ (mit Jürgen Holtz), er kam am BE noch einmal mit der wunderbaren Dagmar Manzel in „Endstation Sehnsucht“ zusammen und hat dort im Herbst 2011 Tschechows Endspiel „Der Kirschgarten“ inszeniert, mit seiner Lieblingsschauspielerin Cornelia Froboess. Es war sein Finale. Am Samstag ist Thomas Langhoff, ein Mann voller Witz und Lebenslust, in Berlin mit erst 73 Jahren einem Krebsleiden erlegen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben