Kultur : "Das Lebewohl": Männer kommen und gehen

Sandra Luzina

Kommt er? Geht er? "Ich muss in mein Bundesland zurück", verkündet der Protagonist den Knaben und Kameraden. Und prophezeit seine Rückkehr: "Ich komme wieder." "Das Lebewohl" (Les Adieux) hat Elfriede Jelinek ihren Monolog genannt, es wurde ein Monolog zum langen Abschied. Am Samstag erlebt das Stück in Berlin seine Uraufführung - für Österreich hat die Jelinek ihre Texte sperren lassen wie einst Thomas Bernhard. Claus Peymann, dem die Weltkomödie Österreich auch in Berlin am Herzen liegt, hat die Uraufführung Ulrike Ottinger anvertraut, die auch für das Bühnenbild verantwortlich ist. Damit fiel die Wahl auf eine Regisseurin, die Jelinek-erprobt ist: Ihre Inszenierungen von "Clara S." und "Begierde & Fahrerlaubnis" fanden das ungeteilte Lob der Autorin. Deren artifiziellen Texte sind dafür bekannt, dass Regisseure vor ihnen schon mal kapitulieren.

Für Ulrike Ottinger, die sich ihren Ruf hauptsächlich als Filmregisseurin erworben hat, steht der Text in einer guten österreichischen Tradition: Seit Nestroy haben Autoren immer wieder aktuelle politische Themen aufgegriffen. In einem Interview mit dem österreichischen Nachrichtenmagazin News hat Elfriede Jelinek den FPÖ-Rechtsaußen jüngst als "eine einzige große Leerstelle" bezeichnet: "Von Haider bleibt das absolute Nichts. Er fällt zusammen wie ein Soufflé, in das man hineinsticht." Nun hat die Jelinek mit "Das Lebewohl" nicht nur eine höhnische Haider-Demontage, eine Abrechnung mit dem "homoerotischen Männerbund FPÖ" vorgelegt. Keine sprachlich-theatrale Schaumspeise, schon durch seine hohe literarische Form weist der Text über die tagespolitische Aktualität hinaus. Jelineks Textverfahren ist entlarvend: Sie collagiert den Haiderschen Originalton mit der "Orestie" des Aischylos. Hier die Menschheitstragödie, die eine Zeitenwende beschreibt. Dort ein Provinzpolitiker, der eine historische Wende herbeireden möchte und doch nur in präpotentem Gefeixe und Gestammel versinkt. Durch den Rekurs auf die Männergesellschaft der Polis werden politische Tiefenstrukturen erkennbar, erläutert Ottinger. Ihre Umsetzung geht aber darüber hinaus: Sie arbeitet in Bildern und filmischen Zitaten eine Traditionslinie heraus, die vom Faschismus über den Heimatfilm der fünfziger Jahre bis heute reicht. In musikalischen Zitaten von Beethoven bis Francoise Hardy wird das Lebewohl-Motiv ironisch durchgespielt.

Wie die Jelinek ihr Thema umkreist, sagt Ottinger, wie sie immer wieder andere Aspekte beleuchtet, der Alltagssprache bohrend auf den Grund geht, im Humus rechten Denkens stochert - das sei beeindruckend. Und verlange nach einer sorgfältigen Spracharbeit. Das Phänomen Haider konnte sie übrigens selbst in Augenschein nehmen. In Graz inszenierte sie einen Nestroy mit japanischen Schauspielern. Am selben Abend hielt Haider auf dem Marktplatz eine große Rede. "Ich bin fast zu spät zu meiner eigenen Premiere gekommen, weil ich mir das fasziniert angehört habe. Meine Güte, ist das ein Demagoge!" Seine Inszenierung der Macht hat sie aufmerksam studiert und festgestellt, wie er sich bei aller Rhetorik der Stärke auch Schwächen erlaubt: "Er hat minutiös alle Kränkungen aufgelistet, die man ihm zugefügt hat - das hatte fast etwas Krankhaftes."

Über das erotische Faszinosum Haider ist viel gemutmaßt worden. Für Ottinger verkörpert er einen neuen Typus von Politiker. "Er umgibt sich mit allen Insignien des jungen Erfolgsmenschen. Inszeniert sich als tüchtiger Bergsteiger. Als Sieger und Gewinner." Sportler sind für Jelinek immer auch Krieger, das weiß man seit dem "Sportstück", daran knüpft auch der Haider-Monolog an. Körperliche Ertüchtigung auf der Bühne verspricht auch Ulrike Ottinger. In einer Arena können die verschiedenen Formen von Männlichkeitsdressuren bestaunt werden. Dass die Männer in "Lebewohl" unter sich bleiben, versteht sich von selbst. Frau Jelinek wünschte sich lauter schöne Knaben. Sie umringen lächelnd und Blütenblätter streuend den Sprecher des Haider-Monologs. So steht es in der Regieanweisung der Autorin. Und: "Man kann es aber natürlich auch ganz anders machen. Es können auch alle Lederhosen tragen, von mir aus." Ulrike Ottinger hat den Monolog auf 13 Darsteller aufgeteilt, um den Collage-Charakter zu unterstreichen. 13 Facetten von Haider werden vorgeführt, und ja, auch 13 Formen von Männlichkeit: Vom gut gewachsenen Knaben im Sportdress bis zu Luis Trenker im Lodenjanker.

Das klingt nun gerade so, als ob das männliche Prinzip travestiert und parodiert wird. Ihr eigentliches Thema - so bekräftigt die Regisseurin - sei aber die Macht. "Die unheilvolle Kontinuität von Machtmissbrauch im Verhältnis von Majoritäten und Minoritäten - das zieht sich als Leitmotiv durch meine ganze Arbeit." Ihr Augenmerk gilt aber besonders der Inszenierung von Macht: "Jede Zeit bringt eine neue Form heraus, Haider verkörpert die High-Tech-Variante." Am Phänomen Haider arbeitet die Inszenierung denn auch heraus: "Es ist der alte braune Mist im modernen Gewand." Haiders letzter Akt? Jelinek und kein Ende heißt es jedenfalls am BE: Im Januar steht die nächste Uraufführung ins Haus: Einar Schleef, der sich im "Sportstück" selbst in einen kräftezehrenden Clinch mit der Autorin begeben hat, inszeniert "Macht Nichts. Eine kleine Trilogie des Todes."

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