Kultur : Das "letzte Abendmahl" von Leonardo da Vinci nach Restaurierung wieder freigegeben

BIRGIT SCHÖNAU

Einundzwanzig Jahre - viel länger als Leonardo da Vinci - hat die Restauratorin Pinin Brambilla Barcilon am "Letzten Abendmahl" gearbeitet.Leonardo braucht gerade einmal die vier Jahre von 1495 bis 1498, um eines der berühmtesten Bilder der Kunstgeschichte im Kloster Santa Maria delle Grazie zu Mailand zu vollenden.Hart sei die Arbeit gewesen, sagt die Signora Brambilla, schwierig und sehr langsam, Zentimeter für Zentimeter.Aber auch Jahrhundert-Restaurierungen kennen keine Helden, und deshalb wird ihr Name morgen schon vergessen sein.Anders als derjenige Leonardos: Endlich wissen wir, wie weiß sein Tischtuch war, wie azurblau sein Himmel, wie purpurrot die Gewänder seiner Apostel.Wir verdauen es diesmal leichter, weil wir den Aha-Effekt schon vom Großreinemachen bei Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle kennen - und trotzdem wird es vielleicht auch in Mailand Touristen geben, die lieber ein Poster mit dem düsteren Abendmahl vor der Restaurierung kaufen.Nur dieser Leonardo gilt ihnen als der wahre Leonardo.Aber das "Abendmahl" zeigt uns auch, wie Kunst durch die Jahrhunderte überleben kann, obwohl sie von Anfang an untergangsgeweiht war.Schon zu Zeiten Vasaris (1566) war das Fresko so schlecht erhalten, daß es dem Meister unvollendet vorkam, wie verwaschen.Leonardo hatte nicht "al fresco", sondern mit Tempera und Öl gemalt, und dabei die Feuchtigkeit in der Backsteinwand unterschätzt.Das Kloster war von einem Bach umspült, im Refektorium stand das Wasser manchmal wadentief, und so gingen die Restaurierungsarbeiten los, kaum daß Leonardo 1519 gestorben war.Man arbeitete mit Wachs und Klebstoff, man übertünchte angeschlagene Stellen, bis das "Abendmahl" so dunkel wurde wie die Werke des späten Leonardo.Im Jahr 1652 schlugen die Mönche eine Tür unter die Christusfgur.Michelangelo Bellotti übermalte 1726 alles, 50 Jahre später entfernte ein anderer Restaurator die Tünche, nicht ohne das Original schwer zu beschädigen.Nachdem Napoleons Truppen aus dem Refektorium einen Pferdestall gemacht hatten, wurde im 19.Jahrhundert mehrfach repariert, aber die Arbeiten blieben Stückwerk, weil die für das Meisterwerk tödliche Raumklima nicht berücksichtigt wurde.Während des letzten Krieges rettete ein Schutzwall aus Sandsäcken das Bild.Die nun abgeschlossene Restaurierung wollte die Originalfarben Leonardos ans Licht holen, vor allem aber das Meisterwerk für das kommende Jahrtausend retten.Pinin Brambilla gelang es, das Abendlicht in den Haaren der Apostel wieder einzufangen, die in ein Stück Brot verwandelte Hand des Thomas zurückzuzaubern."Und dann der Matthäus", schwärmt die Restauratorin."Ein klassisches Profil, der halbgeöffnete Mund, die weichen Lippen - diese Entdeckung allein war 20 Jahre Arbeit wert.""Damit das alles so bleibt, soll ein kompliziertes Schleusensystem für ein gleichbleibend trockenes, schmutzfreies Klima sorgen.Vor allem aber muß das "Abendmahl", ähnlich wie Michelangelos Fresken im Vatikan, vor Touristenmassen geschützt werden.Schon der menschliche Atem kann Gift sein für Werke, die wohl für die Ewigkeit geschaffen wurden, nicht jedoch für die Atem-und Schweißtropfen Abertausender.Nicht mehr als 25 Besucher dürfen deshalb jetzt gleichzeitig in das Refektorium.Bei der Einweihungsfeier allerdings hatten sich dann doch ein paar Besucher mehr versammelt: Rund 1000 Ehrengäste waren geladen, darunter neben Regierungsvertretern Nobelpreisträger Dario Fo, Modeschöpfer Giorgio Armani und Olivetti-Chef Roberto Colaninno."Wenn Leonardo da gewesen wäre", schrieb verschnupft der "Corriere della Sera", "hätte er vermutet, in einen Vogelkäfig gefallen zu sein." Vor dem Abendmahl nämlich trillerten die Mobiltelephone der VIPs.Wäre Leonardo heute unter uns, er hätte die Apostel vielleicht gleich mit einem telefonino ausgestattet.Das gehört bei einem Abendessen in Italien einfach dazu.Leonardos Abendmahl im Kloster Santa Maria delle Grazie ist zu sehen Di-Fr, 9-21 Uhr, Sa 9-24 Uhr, So 9-20 Uhr.Die Eintrittskarte kostet 12 000 Lire nach Vorbestellung unter der Telefonnummer 0039- 02-894 211 46.

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