Kultur : Das letzte Aufgebot

Requiem auf eine untergehende Epoche: George Dysons gewaltiges Oratorium „Quo vadis“erscheint erstmals auf CD

Jörg Königsdorf

Den ersten Weltkrieg erlebte George Dyson in den Schützengräben: der Zusammenbruch des alten Europa zwischen Senfgaswolken und Granateneinschlägen. Doch anders als bei anderen Komponisten führte diese existenzielle Erfahrung bei dem Briten nicht zu dem Bedürfnis, eine neue Tonsprache für eine neue Zeit zu finden. Statt nach musikalischen Ausdrucksformen für die Mechanisierung und Beschleunigung des Alltags zu suchen, träumte sich Dyson in den zwanziger und dreißiger Jahren in die Romantik zurück und beschwor in seinen groß angelegten Chorwerken unermüdlich den Glauben an das Gute im Menschen. Dafür stieg er zwar zum Präsidenten des Royal College of Music auf und erhielt vom britischen König den Ritterschlag, wurde jedoch schon weit vor seinem Tod 1964 als Gralshüter viktorianischer Tradition gründlich vergessen.

Das britische Label Chandos setzt diesem Ruf seit einiger Zeit eine differenzierte Wahrnehmung entgegen. Denn hinter der scheinbar verstockten Verweigerung gegenüber der Moderne verbergen sich komplexere Motive – und Dysons Werk markiert eine wichtige Position inmitten der hektischen Orientierungssuche, die in der Zwischenkriegszeit zu einer schier unübersehbaren musikalischen Stilvielfalt führte. Vor sechs Jahren legte Chandos mit seinem Hausdirigenten Richard Hickox Dysons muntere, glanzvolle von „Meistersinger“-Anklängen durchsetzte „Canterbury Pilgrims“ auf CD vor, nun folgt, wieder von Hickox dirigiert, die grandiose Ersteinspielung von Dysons wichtigstem Chorwerk: 1939 vollendet und erst nach Kriegsende uraufgeführt, ist „Quo vadis“ ein säkularisiertes Requiem, in dem der ganze chorsinfonische Apparat des 19. Jahrhunderts aufgeboten wird, um das Vertrauen auf ein unbestimmtes ewiges Wesen zu beschwören, der aber zugleich von Beklemmung und Verunsicherung am Vorabend des Krieges kündet.

Dyson komponiert mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts, doch aus einer rückwärtsgewandten, unterschwellig gebrochenen Perspektive. Das Pathos, mit dem jedes der neun Tableaux auf Verse von elisabethanischen Lyrikern, Wordsworth oder Blake die Fragen von Sein und Vergehen stellt, gewinnt in „Quo vadis“ eine eigentümliche, nahezu verzweifelte Dringlichkeit. Der an Verdis Requiem erinnernde Bombast der Besetzung (Chor, Orchester und vier Solisten), die abendfüllende Dauer von nahezu zwei Stunden, die melancholiegetränkten Sologesänge, die oft fast gewaltsam in triumphale Chorgloriolen einmünden: Das alles klingt nicht wie das trotzige Beharren eines Ewiggestrigen, sondern wie der Versuch, sich noch einmal mit aller Kraft gegen das drohende Schicksal aufzubäumen: Der Krieg würde unaufhaltsam sein. „Quo vadis“ verklingt nach einem demonstrativ strahlenden Höhepunkt resignativ – die Musik des 19. Jahrhunderts hatte ihre Kraft verloren.

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