Kultur : Das letzte Band

R. S.

Vor anderthalb Jahren, beim Berliner Beckett-Festival, kam es zu einer denkwürdigen Begegnung. Martin Esslin, für den die Bezeichnung Literaturwissenschaftler etwas trocken klingt, traf den Schauspieler Rick Cluchey nach langer Zeit wieder. Das Band war Samuel Beckett: Cluchey, ein ehemaliger Insasse von San Quentin, hatte sich in den fünfziger Jahren in der Theatergruppe des Zuchthauses aus dem Sumpf gezogen. Und Martin Esslin hatte diese historische Episode - eine "Warten auf Godot"-Aufführung in San Quentin - in seinem Buch "das Theater des Absurden" als Geburtsstunde des zeitgenössischen Theaters beschrieben: Für die Häftlinge war Beckett weder unverständlich noch "absurd", sondern ein Dramatiker des Realen.

Esslins "Theater des Absurden", 1962 erschienen, war ein Glücksfall der Kunstvermittlung, der Titel wurde zum Trademark. Esslin schlug darin den Bogen von Alfred Jarry zu Ionesco, Genet und eben Beckett, den er zu dem "Letzten Band" inspiriert haben soll, als er ihn einmal mit einem Tonbandgerät in Paris besuchte. Nimmt man Esslins "Brecht - das Paradox des politischen Dichters" hinzu, so gelang diesem Gelehrten nichts Geringeres als ein heute noch gültiges Panorama des Theaters im 20. Jahrhundert.

Martin Esslin wurde 1918 in Budapest geboren. Entscheidend war für ihn die Begegnung mit Max Reinhardt 1928 in Wien. Als Hitler kam, emigrierte Esslin nach London. Er wurde Hörspielproduzent bei der BBC, und etlichen Werken des zeitgenössischen Theaters verhalf er im Äther zum Durchbruch. "Das Theater des Absurden" veränderte auch sein Leben. Ende der sechziger Jahre folgte Esslin einem Ruf nach Amerika, bis 1988 lehrte er Drama an der Stanford University. In "Die Zeichen des Dramas" (1987) beschrieb Martin Esslin das Dilemma, im dem das heutige Theater steckt - weil alles, Kino, Fernsehen, Werbung, Politik, Drama ist. Und das ist wirklich absurd. Am letzten Wochenende ist Martin Esslin 83-jährig gestorben.

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