Kultur : Das letzte Bild

„Der Kontrakt des Fotografen“: Die Berliner Akademie der Künste untersucht die Reize des Posierens

Nicola Kuhn

Eine Frau auf Ecstasy, ein Mann mit Pelzstola und Damenhütchen, ein Mannequin flach ausgestreckt auf dem Boden einer Flughafen-Lounge, ein aus dem Dunkel des Off grimmig herausblickender Innenminister – sie alle verbindet das eine miteinander. Sie alle posieren fürs Foto, sie alle haben mit dem Menschen hinter der Kamera eine Verabredung getroffen. „Der Kontrakt des Fotografen“ lautet der Titel der Ausstellung in der Akademie der Künste, die Werke von siebzehn Fotokünstlern vereint. Nein, hier ist keine weitere Fotoporträtausstellung intendiert, sondern eine mit Beispielen belegte Abhandlung über die Kunstform Fotografie, über zunehmend Einlass findende künstlerische Strategien auf einem Gebiet, dem schon lange niemand mehr ausschließlich dokumentarische Aussagefähigkeiten attestiert.

Was zunächst nach spröder Beweisführung klingt und viel Theorie, erweist sich in der Ausstellung selbst als ein Feuerwerk unterschiedlicher Ideen und individueller Präsentationen. Erneut erweist sich die Personendarstellung – ob in Fotografie, Malerei oder Film – als große Gewinnerin, denn ihr kann sich der Betrachter kaum entziehen. Die sympathetische Reaktion ist vom Fotografen stets einkalkuliert. In der von Matthias Flügge und Markus Heinzelmann kuratierten Ausstellung aber wirkt auch der Fotografierte mit, indem er explizit seine Zusage gibt, da er sich selbst etwas von dem Auftritt in einer Kunstausstellung verspricht – sei es aus Selbstvergewisserung, Befriedigung der Eitelkeit oder neugieriger Teilnahme an einem Experiment.

Zum Beispiel jene junge Dame im roten Shirt mit geschlossenen Augen, lächelndem Mund und leicht nach oben gerecktem Gesicht. Sie probiert gerade Ecstasy im klinisch ausgeleuchteten Atelier von Ashkhan Sahihi, dem zur Sicherheit eine eigens angestellte Krankenschwester zur Seite steht. Der iranische Fotograf mit Wohnsitz New York versteht seine elf Sessions mal mit Crack, mal Haschisch, mal LSD einerseits als Kritik an naiver Antidrogenpolitik, ebenso am „Heroinschick“ der Modewelt. Dieses theoretischen Überbaus hätte es für den Betrachter gar nicht bedurft, denn was ihn am Ergebnis interessiert, ist jener Zustand der Entrückung, die merkwürdige Gleichzeitigkeit von Präsenz und Abwesenheit, die in diesen Porträts zusammenfällt. Um diesen Moment kreist auch die Serie der Finnin Marjhanna Kella, die Menschen unter Hypnose fotografiert. Die Künstlerin ist von tiefem Misstrauen gegenüber der Fotografie erfüllt und hält letztlich nur Bilder von Toten für reell, da bei den Lebenden Mimik und Pose die Darstellung dominiert. Die Aufnahmen unter Hypnose sind für sie eine Annäherung an jenes letzte, absolute Bild.

Nein, heiter ist die Kunst der konzeptuellen Porträtfotografie nicht, auch wenn sie kuriose Formen annimmt. So überträgt der japanische Fotograf Izima Kaoru die Todesfantasien von Mannequins in Realität, indem er sie perfekt gestylt am Ort ihres imaginierten Ablebens inszeniert. „Tominaga Ai wears Prada“ lautet der Titel einer Serie, in der ein Modell in gelb-blauem Look farblich abgestimmt zwischen den Stuhlreihen einer menschenleeren Flughafenhalle liegt.

Wie lebendig Begrabene wirken auch die Porträtierten in Patrick Faigenbaums Florenz-Reihe, die in den Palazzi der Renaissance-Stadt entstand. Auf den Schultern dieser Menschen im Halbdunkel holzvertäfelter Säle lastet die Tradition der Familie, die Geschichte ihres Ruhms. Selbst die festhaltende Kraft einer Fotografie ist vor diesem Hintergrund nichts als Flüchtigkeit. „Manchmal ist das Foto gemacht, und die Leute bleiben so sitzen. Weil ich für sie verschwunden bin“, erinnerte sich der Pariser Fotograf an die 1984/85 entstandene Reihe.

Damit trifft er jenen Punkt, um den es in der Akademie-Ausstellung ebenfalls geht: Wer bestimmt hier über wen? Wie autonom ist der Mensch in seiner Repräsentation? Welches Recht besitzt er an seinem Erscheinungsbild? Die Japanerin Shizuka Yokomizo sucht darauf Antwort mit ihrem Projekt „Strangers“. Die in England lebende Künstlerin schickte fremden Personen einen Brief, in dem sie um die Teilnahme an einer anonymen Fotosession bat. Zu einer bestimmten Zeit sollten sie an ihrem Fenster stehen und in eine auf der Straße aufgestellten Kamera blicken, bei Nichtteilnahme den Vorhang geschlossen halten. Die entstandenen Bilder zeigen Männer und Frauen fremd in ihrer Haut, merkwürdig irritiert. Sie blicken zwar selbstbewusst den Betrachter an, aber ihrer Sache sicher sind sie nicht, das verraten die verkrampften Arme, die offensichtliche Nervosität.

Dennoch entschieden sie sich zum Schritt in die Öffentlichkeit, indem sie auch einer Publizierung zustimmten. Der Reiz der Selbstdarstellung war eben zu groß. Welche Abstürze damit einhergehen können, zeigen Boris Michailows Bilder nackt posierender Obdachloser, die er zum Aufwärmen in seine Wohnung bat, oder Richard Billinghams Fototagebuch von seinem alkoholkranken Vater. Zum Vertrag gehörte in diesen Fällen immer auch ein Entgelt für die Porträtierten. Ihre Bilder wurden Lohn der Kunst.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 7. 1.; Di – So 11 – 20 Uhr. Katalog 30 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben