• Das letzte Hemd Michael Tilson Thomas und das London Symphony Orchestra im Berliner Konzerthaus

Kultur : Das letzte Hemd Michael Tilson Thomas und das London Symphony Orchestra im Berliner Konzerthaus

Ulrich Amling

Draußen ziehen schlierige Novembernächte um Häuserecken, drinnen erklingen letzte Werke – und doch schlägt sich auf den Sitzreihen des Berliner Konzerthauses kein Mehltau der Resignation nieder. Michael Tilson Thomas, als Popstar der Klassikszene nur MTT genannt, ist ein unerschütterlicher Optimist. Zusammen mit dem London Symphony Orchestra, dessen ehemaliger Chef und heutiger Gastdirigent er ist, hat der Bernstein-Bewunderer aus den letzten Mitteilungen von Mahler, Schostakowitsch, Berg und Schönberg ein Programm in drei Abenden zusammengestellt, das eine frohe Botschaft verbreiten will: Am Ende des Lebens gelingt ein weiter, freier Blick, fallen Schönheit und Erkenntnis zu einer Klarheit zusammen, die schon fast nicht mehr von dieser Welt ist.

Das überzeugendste Argument für MTTs Spätwerk-These sind die Musiker von der Themse: Nach den Wiener Philharmonikern ist mit dem London Symphony Orchestra (LSO) wieder ein Klangkörper der internationalen Spitzenklasse zu Gast – Vergleichsmaßstab und Ansporn für das nach Orientierung suchende Musikleben der Hauptstadt. Das Orchester strahlt die Souveränität jener Ensembles aus, die wissen, wie man im harten Wettbewerb besteht – nicht als sakrosankte Kunstbastion, sondern als Kommunikationseinheit. Welche Klasse die Londoner erreichen, zeigt gleich der erste Abend mit Mahlers neunter Sinfonie. Wie flexibel die Streicher um den stockenden Puls pendeln, wie genau sie ihre Intensität dosieren, ist eindrucksvoll. Ihre Erfahrung mit akustisch schwierigen Räumen – wie dem Betonsaal im heimatlichen Barbican-Center – schärft den Sinn der Musiker für ein transparentes Klangbild. Selten hat ein Orchester im Konzerthaus so viele Stimmen der drohenden Verdumpfung entrissen.

Doch je stärker sich die Virtuosität des Orchesters offenbart, desto auffälliger ist auch: Hier wird mit angezogener Handbremse gespielt. Details strecken sich überdeutlich nach der Saaldecke, es ist, als rufe ein Navigationssystem mit monotoner Stimme: „In drei Takten folgt ein Crescendo.“ MTT verhindert mit seiner Sorgfalt, seiner kontrollierenden Zuneigung, dass Mahlers Musik zu sich selbst findet. Er bügelt die Verwerfungen aus der Partitur, denn das letzte Hemd soll knitterfrei sein. Die Neunte wird gepudert und ausstaffiert wie die Verblichenen auf den Totenporträts zu Beginn des Fotozeitalters.

Auch das Schostakowitsch-Doppel aus dem zweitem Cellokonzert (mit Lynn Harrell) und der 15. Sinfonie versucht MTT in den Schönheitsschlaf zu senken. Doch die Ironie, die immer wieder durchs brillante LSO-Schlagwerk irrlichtert, verhindert das vorzeitige Einsetzen der Totenstarre. Harrell entschließt sich zu einer berührend zarten Interpretation, die die schneidende Motorik des Celloparts jedoch ausspart. Wehte durch den geisterhaften Finalsatz der Fünfzehnten tatsächlich faszinierend kühle Luft fremder Planeten, so erreicht der dritte Abend lediglich die Lebendigkeit eines Alabasterkamms. Anne-Sophie Mutter schreitet ohne spürbaren Mitteilungswunsch an Bergs Violinkonzert vorüber, MTT hypnotisiert Mahlers Adagio der zehnten Sinfonie. Zum Glück gelingt es dem LSO bei Bergs drei Orchesterstücken, die zwischen Schönheit und Schmerz errichtete Ästhetikmauer niederzureißen. Und der Novemberwelt ihr chaotisches Leben zurückzugeben.

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