Kultur : Das letzte Wunder des Hercules

Wie Herculaneum unterging: Das Berliner Pergamonmuseum zeigt die Prachtentfaltung der Schwesterstadt Pompejis

Christian Schröder

Ein Totentanz, ein Bild wie aus einem Albtraum. Zwanzig, dreißig Skelette liegen eng zusammen, es sind die Überreste von Menschen, die sterbend aneinander, übereinander gekrochen sein müssen. Ein Skelett hat seinen Totenkopf erhoben, der Mund ist zu einem letzten Angstschrei aufgerissen. Kein Horrorfilm-Regisseur hat diese Szene erfunden, es ist gewissermaßen eine Skulptur, die von der Wirklichkeit erschaffen wurde. Am 24. August des Jahres 79 nach Christi Geburt wurden die Einwohner des römischen Städtchens Herculaneum vom Ausbruch des Vesuv überrascht. Viele flüchteten an den Strand, auf Rettung über das Meer hoffend, und suchten Schutz in Bootshäusern. Sie erstickten in einer Asche- und Glutwolke, ihre Körper verdampften. Dreihundert Skelette, verborgen unter einer meterhohen Lavadecke, wurden 1982 bei Ausgrabungen entdeckt. Der Tod dieser Menschen, behaupten die Wissenschaftler, sei sekundenkurz und schmerzlos gewesen. Wer ihre Skelette gesehen hat, mag das nicht glauben.

Die Skelette aus einem der Bootshäuser sind – als Abguss in dramatisch abgedunkelter Beleuchtung – das grausigste Exponat der Ausstellung „Die letzten Stunden von Herculaneum“, die gestern im Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel eröffnet wurde. Die Namen von Pompeji und ihrer kleineren Schwesterstadt Herculaneum stehen für einen apokalyptischen Schrecken, aber auch für den Reichtum einer antiken Welt, die sich in ihrer nahezu unversehrten Schönheit besichtigen lässt, weil die Katastrophe sie für die Ewigkeit konservierte. „Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte“, notierte Goethe, nachdem er die Grabungsstätte besucht hatte.

So sind es im Pergamonmuseum nur zwei, drei Schritte von dem Skelettfeld zu einem marmornen Hercules-Porträtkopf, der in seiner lakonischen Ebenmäßigkeit zu den schönsten Stücken der Ausstellung gehört. Der jugendliche Held hat gerade die erste seiner zwölf legendären Taten vollbracht, er hat den Löwen von Nemea getötet und trägt dessen Kopfhaut über seinen streng symmetrischen Locken. Dem Mythos zufolge wurde Herculaneum von Hercules gegründet, im vierten vorchristlichen Jahrhundert geriet die griechische Siedlung unter römischen Einfluss, bald stieg die Stadt zur Moderesidenz der reichen Patrizierfamilien Roms auf. „Campania felix“, glückliches Kampanien, wurde die fruchtbare Ebene zu Füßen des Vesuv genannt.

Herculaneum, berühmt für das schönste Meerespanorama im ganzen Golf von Neapel, war ein exquisites Refugium, in dem zum Zeitpunkt seines Untergangs gerade einmal 4000 Menschen lebten. 1710 fand ein Bauer beim Ausheben eines Brunnens Marmorfragmente, die zur Ausstattung des römischen Theaters gehörten. Der Bourbonen-König Karl III. ließ in Bergbautechnik Schächte durch das bis zu dreißig Meter dicke Lavagestein treiben, kurz darauf machte die Entdeckung von drei lebens- und überlebensgroßen Frauenfiguren, den so genannten „großen“ und „kleinen Herkulanerinnen“, europaweit Furore. Der König schenkte sie seinem Vetter Prinz Eugen in Wien, von dort gelangten sie an die staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Natürlich sind die Skulpturen, an denen Winckelmann seine Theorie von der „edlen Einfalt und stillen Größe“ entwickelte, in Berlin zu sehen. Die Staatlichen Museen wollen sie mit Hilfe von Sponsoren restaurieren lassen, als Dankbekundung an die Leihgeber. Für die Ausstellung, die zuerst in Haltern gastierte und von Berlin nach Bremen wechseln wird, haben die Schätze aus Herculaneum zum ersten Mal italienischen Boden verlassen, eine Sensation, die einem Umbau des Archäologischen Nationalmuseums Neapel zu verdanken ist.

„Kürzlich noch war der Vesuv beschattet von grünenden Reben, hier war die Stadt, welche durch Hercules’ Namen berühmt. All dies ging auf in Flammen und liegt unter Asche begraben: Selbst die Götter gereut’s, dass sie dies Unheil vollbracht“, klagte der römische Dichter Martial. Von der Prachtentfaltung des römischen Imperiums zeugen Prunkstücke wie die Stillleben-Wandmalereien mit dem Betrachter appetitlich dargebotenen Rebhühnern, Pilzen und Fischen oder die durch ihren Verismus beeindruckende Skulpturengruppe eines von vier Jagdhunden angefallenen Hirsches, geborgen aus einer 1100 Quadratmeter großen Villa. Aber die Ausstellung führt auch in die Wohnungen der Ärmeren, neben den Superreichen lebten in Herculaneum auch viele freigelassene Sklaven. Im „Haus des Granianus“ – der Name stand auf einem Siegelring – wurde neben Glasschalen und Tonkrügen auch eine verkohlte Wiege ausgegraben. In ihr lagen noch die Überreste eines Babyskeletts.

Pompeji, die erst ein halbes Jahrhundert später wiederentdeckte Nachbarstadt, hat Herculaneum inzwischen längst den Rang abgelaufen. Pompeji ist nicht nur wesentlich größer, dort konnten viele römische Gebäude auch schnell freigelegt werden, weil sich über ihnen nur eine dünne Ascheschicht befand. Doch die Schätze aus Herculaneum, das beweist die suggestiv inszenierte Schau, gehören zum Besten, was das Altertum zu bieten hat. So ist die Kohle von Herculaneum ein Stoff, an dem bis heute die Fantasie von Wissenschaftlern und Laien entflammt. Im Frühjahr sorgten Forscher der Universität Oxford für Schlagzeilen, denen es mit einer in der Nasa-Raumfahrtechnologie entwickelten Methode gelungen sein sollte, Handschriftenfragmente aus der „Villa dei Papiri“ zu entziffern. 1700 Papiri, die größte überlieferte antike Bibliothek, waren bereits vor 250 Jahren aus einer Villa geholt worden, die wahrscheinlich Lucius Calpurnius Piso gehört hatte, Cäsars Schwiegervater. Damals konnte man nicht viel mit ihnen anfangen, beim Aufrollen zerfielen sie oft zu Staub. Im Pergamonmuseum sind zwei Rollen im verkohlten Originalzustand zu sehen, sie erinnern in ihrer Knollenartigkeit an verbrannte Äste. „Welche literarischen Werke auf diesen Papiri verzeichnet sind, ist unbekannt“, menetekelt ein Hinweis daneben. Sophokles, Euripides, Aischylos? Die Antike bleibt ein Rätsel.

Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel, bis 1. Januar, Di-So 10-18, Do 10-22 Uhr.

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