Kultur : Das Licht des Mondes

Lajos Parti Nagy

Voriges Jahr ist unser größter Schriftsteller gestorben, doch was das bedeutet, sein Tod und das "Größte", das werde zumindest ich allein nicht sagen können. Die Todesnachricht erreichte mich hier in Berlin in der Hitze des Monats Juli, und bald folgten einige Anrufe. Ob ich einen Nekrolog schreiben wollte, wurde ich gefragt. Ich kann nicht, sagte ich, Entschuldigung, und ich begann dieses und jenes aufzukritzeln, absichtslos. Vielleicht wollte ich nur an ihn denken, sonst nichts. Mich an seine neue, seine andersartige Gegenwärtigkeit gewöhnen, die endgültig nicht das Persönliche meint, sondern etwas Stärkeres. Übrigens, "ich kann es nicht, kann es wirklich nicht", um Mészöly zu zitieren. Höchstens Ort und Räume einer Schuld abstecken und skizzieren. Obzwar das genau das Gegenteil vom Fehlen ist.

Ausgerechnet über einen, von dem ich so gerne schreiben würde, kann ich es am wenigsten. Alles Experimentieren und Eintauchen ergab stets nur Phrasen über Transparenz und Fragment, über das rationale, das tastbare und leuchtende Dunkel, über die Meszölysche Textdichte und darüber, wie ein Satz noch zusammengepresst Luft bekommt. Zu lesen mit Unterstreichungen und Ausrufezeichen, das tat wohl, mehr passierte nicht, die Bücher füllten sich mit Bleistiftzeichen, meine Glossensätze flossen durch den Text ab wie durch ein Roßhaarsieb, und zurück blieb ein dichter Stoff, die Zitate also, aus denen dann Gelegenheitskomplikationen entstanden, Homages.

Schreiben konnte ich nur darüber nicht, was er für mich bedeutet, über all das hinaus. Unter all dem. Wo sich so vieles befindet. Viele konkrete Dinge. Dass zum Beispiel meine Kindheit sich in der Gegend abspielte, die Mészölys Geländekarte und Heimat ist, in Pannonien, an der Donau, in der Nähe der Stadt Szekszárd, lateinisch Alisca. Ein Großteil meiner Haupt- und Nebenfiguren ist diesem Landstrich entnommen, von dem ich keine gültigere und echtere Mythologie kenne als die Mészölys. Das ist nicht mit Absicht so, und bestimmt ist es keine Nachahmung, denn gerade Mészöly nachzuahmen ist unmöglich, vielmehr verhält es sich so, dass sich Mészölys Welt gemächlich und zähe - natürlich zurückblickend - in meine Kindheit hineingelesen hat, in die gewählte Kindheit, die realer ist als die wahre.

Als ich ihm und seiner Prosa begegnete, als er sich in mich hineinlas, schrieb ich erst nur Gedichte. Was Dichtung, was sie übers Verseschmieden, über Handwerkliches, über die Technik hinaus ist, darüber habe ich von ihm, dem geborenen Prosaschriftsteller, am meisten gelernt. Über das innerste Wesen des Verdichtens, des Schneidens über die Gattung hinaus. Wie sich etwas zusammenpresst zu Sprache, Zeit und Blut. Sieht man dieses Lernen, ist es gut; wenn nicht, ist es noch besser. Bei der Beerdigung sprachen Balassa, Esterházy und Nádas, die drei Péter. Eine halbe Stunde Geist, Würde, Fehlerlosigkeit, dreißig Minuten ein anderes Ungarn. Neigen des Kopfes, Ehrerbietung, wenn dieses Wort noch einen Sinn hat. Andererseits die öffentliche Erschütterung als Versuch, das Würdige herauszukehren. Gesehen zu werden. Schau her, geliebtes Land! Dann im seichten und unzivilisierten öffentlichen Leben Ungarns war Mészöly lange nicht mehr gesehen worden.

Seine Prosa ist auf ähnliche Weise volkstümlich wie das Penizillin, und sie ist auf gleiche Weise unentbehrlich. Wie ein Grandseigneur ist Mészöly schon vor Jahren in seine Werke übergesiedelt, in seine exakten Sätze, seine Wirkung, in die Legende, die ihn umgibt, in seine treuen Leser. Zuletzt starb er. Darin liegt keine Gnadenlosigkeit. Er vollendete diesen unwürdigen Prozess, diese heroische, trübe Abendarbeit mit dem Tod. Der endgültige, waagerechte Mészöly.

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