Kultur : Das Licht geht an. Geht aus. Geht an. Geht aus. Geht an

Jan-Arne Sohns

Damit hatte kaum jemand gerechnet. Auch Madonna nicht, die Wahl-Engländerin und Kunstsammlerin. Nachdem sie den Umschlag mit dem Namen des diesjährigen Turner-Preisträgers geöffnet hatte, sagte sie erst einmal "Oh." Und dann: "The winner is Martin Creed." Weder die britischen Buchmacher noch die Gala-Gäste in der Londoner Tate Britain hatten den minimalistischen Konzeptkünstler auf der Rechnung. Als Favoriten für den renommierten Preis galten nach der öffentlichen Vorbesichtigung Mike Nelsons Rauminstallationen, die schon am Rande der Biennale von Venedig für Aufsehen gesorgt hatten, und die üppigen Film-Montagen von Isaac Julien. Creed und der Fotograf Richard Billingham dagegen waren Außenseiter. Allerdings braucht man die Jury für ihren Mut nicht zu loben, denn der Turner-Preis scheint sich seit Jahren durch das Unverständnis zu rechtfertigen, auf das er stößt.

In diesem Jahr schien es ruhiger zu werden um die umstrittene Leistungsschau, die in früheren Jahren unter anderem mit Werken von Damien Hirst, Chris Ofili, Tracey Emin und dem deutschen Vorjahressieger Wolfgang Tillmans für heftige Kontroversen gesorgt hatte. Martin Creed hatte es mit seiner Arbeit "Work 227: The Lights going on and off" wenigstens geschafft, die englische Presse zu einem - wenn auch müden - Empörungsreflex herauszufordern. "Flackernde Lichter, ein staubiger Korridor, schäbige Videos: wieder ein guter Turner-Preis-Jahrgang", titelte der "Independent" in ätzender Ironie - auf Seite drei. Die Häme ist der Preis für eine Aufmerksamkeit, von der Künstler andernorts nur träumen können. "Ist das Kunst?", fragte der "Guardian" auf seiner Titelseite und bildete Creeds Lichtinstallation fünfspaltig ab.

Creeds preisgekrönte Arbeit ist durch ihren Titel präzise beschrieben. In einem leeren Ausstellungsraum lässt der Künstler das Licht alle fünf Sekunden an- und wieder ausgehen: Weniger Werk war selten. Den naheliegenden Vergleichen mit Vorläufern wie Yves Kleins "The Void" begegnet Creed mit dem Hinweis, sein Raum sei nicht leer, sondern mit Licht und Dunkelheit gefüllt. Es falle ihm schwer, Entscheidungen zu treffen, erklärt der 33-Jährige, als wolle er sich bei all jenen entschuldigen, die unter lautem Protest aus der Vorbesichtigung gestürmt waren. Noch am Rande der Preisverleihung brummte das Autoren-Starlet Zadie Smith, die ausgestellten Arbeiten seien fast alle eine Zumutung: "Sie verachten den Menschen." Alex James von der Rockgruppe Blur, ein regelmäßiger Gast auf den Vernissagen im Londoner East End, fand dagegen Creeds Arbeit gar nicht übel. Nur warum, das wußte er selbst nicht so genau.

In der Tat ist es nicht leicht zu erkennen, wie ernst es Creed mit seinen Äußerungen meint. Der Absolvent der Londoner Slade School verdankt seine Bekanntheit nicht zuletzt einem Raum voll aufgeblasener Luftballons und einem zusammengeknüllten Blatt Papier. Er wolle aus nichts etwas machen, sagt er, und das ist ihm nun ein weiteres Mal gelungen: Seine Manipulation der Tate-Deckenbeleuchtung wird mit satten 68 000 Mark Preisgeld honoriert. So macht sich die Jury zum Komplizen des Künstlers und seiner bestenfalls humoristischen Anverwandlung eines im Grunde wenig originellen Minimalismus.

Tate-Direktor Nicholas Serota, selbst Mitglied der Jury, fand sich letzte Woche eher unfreiwillig in den Schlagzeilen wieder. Charles Saatchi, Sammlermogul und früherer Weggefährte Serotas, hatte angekündigt, ein Museum mit Kunst der "Young British Artists" zwischen den beiden Tate-Standorten am Themse-Ufer eröffnen zu wollen. Dies wurde als Kriegserklärung an die Adresse Serotas verstanden, dem Saatchi keine Bilder mehr leiht und damit peinliche Lücken in den Beständen der Tate aufdeckt. Umso bereitwilliger nutzte Serota die coole Gala am Sonntag Abend, um sich als Macher des britischen Kunst-Booms in Erinnerung zu rufen. Den Preis ausgerechnet durch die Popkultur-Ikone Madonna übergeben zu lassen, kommt einem unmissverständlichen Bekenntnis zum Glamour gleich, der Zeitgeist und Gegenwartskunst kurzschließen soll. Für die zur Zeit stattfindende Surrealismus-Ausstellung leiht die Popsängerin Serotas Museum ein Bild aus ihrer eigenen Sammlung. Der Kunstjournalist und Szene-Kenner Matthew Collings bringt solche Verbindungen auf die Formel "Make art glam!"

Kunst, sagte Madonna, sei am besten, wenn das Geld dazu fehle. (Sich selbst wird sie damit kaum meinen.) Künstler dürften sich nicht bevormunden lassen. In diesem Sinne: "Right on, motherfuckers!"

Der Fernsehsender "Channel 4", der die Preisverleihung live übertrug, glaubte sich anschließend für die gesendete Obszönität entschuldigen zu müssen. Creed, den wortkargen Schalk, dürfte das nach den Küssen Madonnas wenig kümmern. Ob er den Scheck zerknüllen und als Kunstwerk ausstellen werde, wurde er nach der Ehrung gefragt. "Mal sehen", sagte der Gewinner.

Die Werke der vier Nominierten sind noch bis 20. Januar in der Tate Britain zu sehen.

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