Kultur : Das Licht von Mangapolis

Johannes Völz

Blitzartig durchschneiden grelle Lichtstrahlen die Häuserfluchten einer Megastadt, bis die Leinwand in geometrische Formen zerfällt. Gähnende Schatten breiten sich aus und verschlingen die Blitze mit ihrer Schwarzmalerei. So beginnt "Robotic Angel", ein japanisches Anime, das morgen die Kinosaison des Museumsinsel-Festivals eröffnen wird. Was der Titel kaum erahnen lässt, soll die Etüde auf das Hell und Dunkel klarmachen: Bei "Robotic Angel" handelt es sich um ein Remake von Fritz Langs expressionistischem Meisterwerk "Metropolis" von 1926. Nicht alles sollte man ernst nehmen, versteht sich, denn wie bei den meisten Animes gilt auch hier: Die Anteile an Trash, Ironie, und ehrlichem Pathos sind gleichmäßig verteilt. Am besten also, man lehnt sich weit zurück in die Liegestühle des Open-Air-Kinos, das in diesem Jahr mit der Piazzetta des Kulturforums am Potsdamer Platz einen zweiten Spielort hinzugewonnen hat. Es hat sich vieles verändert seit 1926. Klar, auch in "Robotic Angel" streben intrigante Menschen nach Macht und sie verlieben sich mit Vorliebe unglücklich. Doch die Welt unter Tage wird nun bewohnt von Robotern statt von ausgebeuteten Arbeitern. Eine humane Entwicklung eigentlich, doch die Arbeiter sind auch im Drehbuch von Manga-Meister Katsuhiro Otomo unzufrieden und planen eine Revolution: Die Roboter müssen weg, sie stehlen die Arbeit. Eigentlich interessiert sich "Robotic Angel" aber vielmehr für das Leben oben in der Stadt, dort, wo es um die Problemchen zwischen Jungen und Mädchen geht. Im neu errichteten Palast lässt der böse Duke Red, der heimliche Herrscher der Stadt, die Menschmaschine Tima bauen. Tima soll nicht nur die Welt regieren, sondern das ganze Universum.

Typisch nun, wie "Robotic Angel" Fritz Langs Cyborg-Motiv verramscht: Tima entwickelt sich zu einem wahren Engel und verliebt sich in den Neffen eines Privatdetektivs aus Japan. Weil sie nicht begreifen will, dass sie kein Mensch ist, weil sie überzeugt von ihrer Liebe ist, haben einige Kritiker Vergleiche mit Spielbergs "A.I." bemüht. Vor allem aber zeigt diese Wendung den Siegeszug der Popkultur, die "Metropolis" erfolgreich in ihre eigene Sprache übersetzt hat. Das geschah freilich bereits 1949. Schon damals verwandelte der angesehene Animator Osamu Tezuku Fritz Langs Vorlage in einen Manga-Comic, vermischte Expressionismus mit Science Fiction und Melodrama. Wenn der Film, der im Herbst in die Kinos kommen wird, sich auf Lang bezieht, dann also immer über den Umweg seiner eigenen Genremarkierungen. Ein mindestens verdoppeltes Zitat ist es deshalb, wenn der japanische Detektiv während des Palastuntergangs erklärt: "So viel zum Zorn der Götter und dem Turmbau zu Babel!" Es reicht dem Regisseur Taro Rin nicht, dasselbe Motiv wie "Metropolis" zu verwenden. Er will auch noch die Plattheit der Mangas ironisieren. Dass die Veranstalter des Museumsinsel-Festivals "Robotic Angel" in diesem Jahr als Auftakt gewählt haben, hat einen ersichtlichen Grund: "Metropolis" gehört zum festen Repertoire des Open-Air-Kinos und wird auch in diesem Jahr gezeigt. Im Kontrast zu "Robotic Angel" wird das gut tun.

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