Kultur : Das Liebesvisier

JAN SCHULZ-OJALA

Dieser Film schafft ein wundersames Kunststück: Er ist episch und doch, trotz seiner 170 Minuten Länge, lakonisch; er ist dramatisch, aber kaum je melodramatisch, obwohl sein zentrales Konfliktfeld aus Glauben, Liebe, Familienehre zum Melodram geradezu einlädt; und er erlaubt sich sogar, trotz seiner scheinbar so wuchtigen Anlage, lyrisch zu sein - nicht in seiner Sprache, aber in seinen Bildern.Er feiert den tiefen Norden und den tiefen Süden mit dem stillen Ernst eines Naturgedichts, er feiert die in diese Landschaften gestellten Gesichter - und das mit einer Langsamkeit, die sich doch vor Langeweile nicht zu fürchten braucht."Jerusalem": ein Film, der uns verblüfft, weil er so ganz aus der Zeit ist.Und einer, der uns erfrischt, quellwasserfern.

Gewiß, erst einmal ist es eine weite Reise nach "Jerusalem".Selma Lagerlöf, die vor fast 100 Jahren das gleichnamige "Buch zum Film" geschrieben hat - gilt sie nicht als zu Recht vergessene schwedische Heimatdichterin mit fataler Neigung zu folkloristischen Bauern-Sagas? Trotz Nobelpreis 1909, trotz "Gösta Berling", der ihren Ruhm und bald darauf auch jenen einer gewissen Greta Garbo besiegelte, in Mauritz Stillers gleichnamigem Film? Und "Jerusalem", diese auf Tatsachen beruhende Story einer Handvoll Dörfler, die in einer sektenähnlichen Urchristengemeinde des sogenannten gelobten Landes stranden - wie wenig hat deren Fin-de-siècle-Aufbruch mit den allerneuesten Millenniums-Ängsten zu tun, Massenselbstmorde inklusive! Und doch, "Jerusalem" altertümelt nicht.Die Psychologie seiner verführbaren, zweifelnden Figuren ist uns vertraut - und Bille Augusts Regie macht, daß wir uns ihnen sofort anvertrauen.

Schon die ersten Bilder - ein reißender Fluß in der Schneeschmelze, zwei Kinder, die darin todgeweiht auf den Resten einer Holzbrücke treiben - ziehen in einen Strudel.Und in der ersten Viertelstunde, in der der Film mühelos von einer Generation zur nächsten blättert, haben wir das ganze Tableau, in dem diese Kinder heranwachsen: Ingmar (Ulf Friberg), der Waisenjunge, dessen Schwester Karin den väterlichen Hof verwaltet, und die Lehrerstochter Gertrud (Maria Bonnevie), die diesen Ingmar, den die Eltern aufgenommen haben, ins Liebesvisier nimmt von allem Anfang an.Blicke, ein Gewitter, ein Tanzboden unterm Himmel in der Sommernacht: Damit ist alles gesagt und nichts verraten zugleich.Eine klassische Lovestory? Oder eher ein in Bilder gesetzter Entwicklungsroman, der seine Figuren vorsichtig mit sich selbst bekannt macht? Wie wird etwas zu dem, was es ist - und wie ist es, wenn es zu etwas anderem wird? Schon sind wir wie beiläufig hineingezogen in eine fremde, eine eigene Geschichte.

Immer hießen die Männer Ingmar auf dem Ingmarshof, und immer waren die Ingmars Leitfiguren in diesem weltenfernen Dorf.Unser Ingmar aber schuftet in einem Sägewerk, um sich das gestohlene Vatererbe zurückzuverdienen, und in dieser Zeit verliert er offenkundig beides: seine Jugendromanze Gertrud, die er vor lauter Arbeit vergessen zu haben scheint, und das Haus.Denn dort ist, mit der Schwester als wundergeheilter erster Gefolgsfrau, das "Neue Jerusalem" eingezogen, eine Wohn- und Lebensgemeinschaft unter Anführung eines Amerikaheimkehrers namens Hellgum (Sven-Bertil Taube), dem sich ein Großteil der Dörfler angeschlossen hat.Doch als Hellgum einer sterbenden Frau den Arzt verweigert, entkommt er nur knapp einem Mordversuch - und stiftet seine Gemeinde an, ihm in das wahre Jerusalem zu folgen.Gertrud geht mit.Ingmar bleibt.Der Hof wird versteigert, und Ingmar kauft sich hinein, indem er sich verkauft - an Barbro, die Tochter des neuen Besitzers, ein spätes Mädchen, das die Hochzeit mit Ingmar zur aberwitzigen Bedingung für die Übernahme des Hofes gemacht hatte.

Das liest sich verdächtig blutvoll-bodenständig.Und sieht sich doch so sternenklar an.Die leeren, hungrigen Augen Barbros zum Beispiel (Lena Endre), der sommernachtshelle Augenblick, in dem die einander umlauernden Eheleute sich im biblischen Sinne "erkennen".Oder die Innigkeitslust der jungen Gertrud (Maria Bonnevie), die ihre Liebe, als sie Ingmar aufgeben muß, einfach auf Jesus wendet, irgendeinen Scharlatan in diesem von Jesussen so übervölkerten Jerusalem, ein rührend törichtes, ein verloren schönes Kind.Oder die Strenge der stillen Fanatikerin Karin (Pernilla August), die Mann und Kind in den fremden Süden mitnimmt und nacheinander ohne ein Wort der Klage verliert, nur daß irgendwann der Blick erlischt in ihrem gott- und todgeweihten Gesicht.Solche Sachen: Sie ziehen einen weiter und weiter durch diese ganz gegen das Übliche gebürstete (oder: gestreichelte?) Geschichte bis hin zu ihrem Sturz in ein Happyend, wie es im Film fast nie, wohl aber im besten aller möglichen Leben vorkommen könnte.

Bille August hat "Jerusalem" 1995 zwischen den beiden starbesetzten, aber auch reichlich flauen Bernd-Eichinger-Produktionen "Das Geisterhaus" und "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" gedreht - mit seinem langjährigen Team, dem Kameramann Jörgen Persson und der Ausstatterin Anna Asp.Seine Schauspieler sind teils neue (Friberg und Bonnevie), teils vertraute (Pernilla August, Max von Sydow), in jedem Fall aber ermüdungsfrei zu betrachtende Gesichter des skandinavischen Films.Mit "Jerusalem" ist August zu seinen Wurzeln zurückgekehrt, zu seinen Triumphen "Pelle, der Eroberer" und "Die besten Absichten", zum exakten Familienbild, das sich unmerklich wandelt in das leise Epos einer Zeit.Das Ergebnis ist ein Film mit wunderbarem Sinn für Balance, von gewissen skandinavischen Zergrübeltheiten ebenso weit entfernt wie von der Oberflächenstruktur eines Weltkinos, das sich allein auf die Prominenz seiner Schauspielernamen verläßt.Selma Lagerlöf hat sich einmal so charakterisiert: "Ich bin ein Zuhörer, keiner, der selbst eine schöne Rolle auf der Lebensbühne spielt." Oder war es Bille August? Auch mit solcher Bescheidenheit kann man es weit bringen im Leben: wenn man nur genau genug zuhört.

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