Kultur : Das Lied des Butts

Günter und Helene Grass singen RomantischesimBerlinerEnsemble

Steffen Richter

Günter Grass hat bekanntlich immer schon alles gemacht. Wo die Welt nur den Romancier sehen wollte, hat er gezeichnet, gedichtet, gebildhauert und gekocht. Dass er auch singt, kann deshalb niemanden ernsthaft verblüffen. Doch ist Grass, der stets unverdrossen und an allen Fronten für Gerechtigkeit gekämpft hat, nun auf so essentielle Dinge wie Weib und Gesang gekommen? Vom ersten kündet der neue Gedichtband „Letzte Tänze“, vom zweiten der Montagabend im Berliner Ensemble. Da stand er gemeinsam mit seiner Tochter, der Schauspielerin Helene Grass, und dem Musiker Stephan Meier auf der Bühne. Aus gegebenem Anlass war der Hintergrund so blau wie die Blaue Blume der Romantik.

Mit dem musikalisch-literarischen Programm „Des Knaben Wunderhorn oder Die andere Wahrheit“ will Grass den Schatz der Volksdichtung präsent halten. Wie Vater und Tochter mit Verve im Duett rezitieren, versetzt Darsteller und Publikum gleichermaßen in helle Freude. Welch familiäre Eintracht! Unwillkürlich fühlt man sich an ähnlich erfolgreiche Paare erinnert. Wie war das doch mit Costa Cordalis und Tochter Kiki? Nur hatten die keinen so versierten Musiker an ihrer Seite. Stephan Meier sorgt mit Pauke, Lyra und Akkordeon, mit der Singenden Säge, dem Bumbass und der Maultrommel für die Begleitung. Entweder folgt er der überlieferten Originalmelodie oder den Bearbeitungen späterer Komponisten. Wenn es gar nichts gab, hat er eigene Stücke geschrieben.

In den Texten rauscht die Sichel durchs Korn, Gesellen gehen auf Wanderschaft und die Nachtigall singt. Als es ans Liedchen „Die Gedanken sind frei“ geht, singt Günter Grass zum ersten Mal eine Zeile. Darauf genehmigt er sich einen Schluck vom Roten. Bei seiner zweiten Gesangseinlage goutiert auch der Unverständigste, dass Grass den Nobelpreis für’s Schreiben bekommen hat. Singen kann seine Tochter nun wirklich besser. Doch die irritierende Frage lautet: Ist Grass ein neuer Promotor des deutschen Liedguts?

Nicht ausschließlich. Gesungen und gelesen werden neben Gedichten aus dem „Wunderhorn“ und Briefen seiner Herausgeber auch lange Passagen, die aus Grass’ Roman „Der Butt“ von 1977 stammen. Im Kapitel „Die andere Wahrheit“ entbrennt ein Streit unter dem versammelten romantischen Personal von Bettina von Arnim bis zum Maler Philipp Otto Runge. Es geht darum, welche Fassung des Märchens vom „Fischer und seiner Frau“ kanonisch werden soll. Grass also diskutiert das geschichtsphilosophische Dilemma, dass der Mensch nicht zwei Wahrheiten zugleich erträgt. Und er zeichnet ein dramatisches Tableau der modernen Zweierbeziehungen. Alice Schwarzer hat ihn seinerzeit zum „Pascha des Monats“ ernannt.

Grass geht es also nicht nur um die Bewahrung des Volksliedschaffens. Auch das eigene, historisch gewordene Werk rückt er in eine neue Perspektive. Der barocke Kraftmensch, als der er häufig erscheint, offenbart einen bislang vielleicht unterschätzten Hang zur Romantik. Freilich weniger zum spätromantischen „Taugenichts“ als zur frühromantischen Idee einer selbstreflexiven und umfassenden Universalpoesie. Vermutlich war Grass am Kochtopf, Zeichentisch und auf dem Tanzparkett immer nur – ein Poet.

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