Kultur : Das Lied von General Kim Jong Il

Ein Gespenst geht wieder um: Auch Nordkorea hat jetzt die Atombombe und pflegt seine Paranoia

Kai Müller

Sollten wir zu rechnen beginnen? Nordkorea mag auf der anderen Seite des Erdballs liegen, 8000 Kilometer entfernt, aber ist das auch weit genug? Seit der Ankündigung des kommunistischen Regimes, dass es über Nuklearwaffen verfüge, rückt die Welt wieder ein Stück näher. Wer weiß, ob Europa vor der Taepodong- 1-Rakete sicher ist, die 1998 einen Satelliten in den Orbit transportiert haben soll? Wie es heißt, kreist seither eine Musikbox durchs All, die auf 27 Megaherz das „Lied von General Kim Jong Il“ ausstrahlt.

„Man muss Angst bekommen bei Waffen dieser Macht in Händen eines Führers dieser Natur“, ließ sich US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sogleich vernehmen. Aus amerikanischer Sicht bestätigt das nordkoreanische Geständnis, was man von „Schurkenstaaten“ wie auch dem Iran ohnehin wusste: Sie arbeiten an Mitteln zur Massenvernichtung. Ob das Kim- Jong-Il-Regime tatsächlich einsatzfähige Atomwaffen besitzt oder, wie es sich bisher ausdrückte, nur ein geheimes Ding mit „abschreckender Wirkung“, spielt keine Rolle. Die Logik der Abschreckung zielt auf das Vorstellungsvermögen des Anderen. Sie ist ein kontrafaktisches Hirngespinst. Bilder von Verwüstung und Strahlentod, Verseuchung und Chaos, die den Kontrahenten durch nichts als eine Androhung ins Bewusstsein gepflanzt werden, sollen verhindern, dass sie Wirklichkeit werden. Was für ein wundersames, apokalyptisches Theater!

Seit die Vereinigten Staaten 1949 ihr nukleares Monopol einbüßten und sich ein Gleichgewicht des Schreckens etablierte, hat „die Bombe“ Philosophen und Intellektuelle in tiefste Verwirrung gestürzt. Als Angstmacher schlechthin, als emotionaler Gau schien sie mit den Werkzeugen der Vernunft nicht zu fassen. „Am Ende muss ein Vertrauen sich behaupten“, schrieb Karl Jaspers 1958, „das keinerlei rationalen Beweis für sich bringen kann.“ Es übersteigt die Vernunftbegabung der Menschen, sich die Selbstauslöschung als einen sinnvollen Akt vorzustellen. So wie es einen Autofahrer überfordert, sich als den Toten zu denken, zu dem sein Gefährt ihn machen kann.

Es ist ein Dilemma, auf eine über alle Erfahrung hinausgehende Einbildungskraft angewiesen zu sein. Die Nuklearkultur des Kalten Krieges suchte Zuflucht bei der Sorglosigkeit, einer Lust am Ende. „Ein Geräusch durchzitterte die Luft, als würde jemand ein Portal, so groß wie das Firmament, leise schließen, als fiele das Himmelstor ganz sanft ins Schloss“, schrieb Kurt Vonnegut 1989 in dem Roman „Katzenwiege“, „es war ein großes Ahwumm.“ Der Untergang wird als Drogentrip halluziniert, wie ein irrwitziges Schauspiel, dem eine reale Anschauung gar nicht zugrunde liegen muss. So glaubte die Postmoderne sich des Problems zu entledigen, das Friedrich Dürrenmatt in dem Diktum zusammenfasste: „Die Atombombe kann man nicht darstellen, seitdem man sie herstellen kann.“

„Ultima ratio regis“ prangte einst auf den Geschützen der europäischen Heere – letzter Ratschluss des Königs. Seine Kanonen führten fort, was politisch nicht entschieden werden konnte. Wenn sie „gesprochen“ hatten, kehrten die Parteien an den Verhandlungstisch zurück. Obwohl sich stets auch die Vorstellung hielt, Atomwaffen seien eine Art erweiterter Artillerie, hat sich doch nach Hiroshima das biblische Bild des „Feuers vom Himmel“ (Harry S. Truman) im Bewusstsein der Staatenlenker verankert. Die NATO folgt seit 1990 dem Leitsatz, ihre Nukes seien Mittel des wahrhaft letzten Zugriffs („of truly last resort“), mehr Ausdruck der Verzweiflung, als militärische Strategie, also: zwecklos.

Die Bemühungen von Entwicklungsländern, sich ein Atomwaffenarsenal zuzulegen, wirken angesichts dieser Entwicklung wie ein verspäteter Tanz ums Goldene Kalb. Denn von Nutzen sind Kernwaffen heute noch weniger denn je. Zu monströs, um auf einem Schlachtfeld eingesetzt zu werden, aber zu klein, um eine Armee überflüssig zu machen, zehren sie gigantische Haushaltsmittel auf. Wie das Beispiel der Atommächte Indien, Pakistan und Israel zeigt, machen sie keineswegs unangreifbar. Sie verhindern allenfalls den totalen Krieg. Grenzkonflikte, Scharmützel und Guerilla-Kämpfe schwelen hinter der Fassade einer kollektiven Vernichtungsvision fort. Wer die Bombe will, liebt seine Paranoia.

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