Kultur : Das Lied von Sing-Sing

Tomas Fitzel

"Er stand vor der Tür des Tegeler Gefängnisses und war frei." So beginnt die Geschichte von Franz Biberkopf, dem Helden von Döblins "Berlin Alexanderplatz". Das Leben in der Zelle zuvor bleibt ausgespart. Das Fehlen des Gefängnisalltags ist die Regel: Die wenigsten besitzen eine Vorstellung davon. Die düsteren Bauten von Moabit, Tegel oder Plötzensee sind exterritoriale Archipele. Wurde das System Gefängnis im Anschluss an die Revolte von 1968 noch grundsätzlich kritisiert, so wird heute das Wegschließen kaum noch hinterfragt. Mit der theoretischen Erfassung, etwa durch Michel Foucault, verschwand die empirische Realität der Gefängnisse erneut im Schweigen.

"Einschluss - Bericht aus einem Gefängnis" lautet der Titel eines schmalen Buches von Hans-Joachim Neubauer. Er kam 1997 als Autor und Dramaturg des Gefangenentheaters "aufBruch" nach Tegel. Aber dass "Theater im Gefängnis letztlich unmöglich ist", wurde ihm bald klar. Neubauer kennt keine Antwort auf das Gefängnis, keine Generalkritik am System. Stattdessen sieht er sich genau um, vor allem hörte er den Insassen zu. Deren Geschichten gibt er in thematisch geordneten Kapiteln wieder, ohne sie zu kommentieren. Sie erzählen von ihrem Leben draußen, vorher, von ihrer Tat und wie es dazu kam. Manche dieser Geschichten besitzen Charme und Witz, andere sind nüchtern, wieder andere larmoyant.

Es sind namenlose Erzähler: Einzelschicksale, die als Individuen verschwinden. So entsteht das vielstimmiges Portrait einer Haftanstalt. Die Erklärungen der Sozialpädagogen wissen die Erzähler geschickt für sich zu nutzen. Im Gefängnis gibt es keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten - für die Mithäftlinge, für die Wärter, die Sozialarbeiter, die Gefängnisgeistlichen und Psychologen. "Das Gefängnis ist mit Schrift gefüllt - manchmal sogar mit einer wahren Graphomanie", schreibt Adriano Sofri in seinen Gefängnisaufzeichnungen. Diese "Graphomanie" reicht bis zum eigenen Körper.

Ein puertoricanischer Strafgefangener trug einen Text von Anne Frank als Tätowierung auf seinem Rücken, berichtet der amerikanische Journalist Ted Conover, der sich ein Jahr lang in das berüchtigte Gefängnis von Sing Sing als Wärter einschleusen ließ. Sogar eine ordentliche Ausbildung als New Yorker Staatsbediensteter absolvierte er dafür. Er präsentiert keine schockierenden Enthüllungen, im Gegenteil. Er entkräftet Klischees, etwa über die Vergewaltigung von Männern hinter Gittern. Anfang 2000 saßen in den Haftanstalten der USA fast zwei Millionen Menschen ein, das heißt jeder hundertvierzigste Bürger. Tendenz steigend. In manchen Staaten sei der Justizvollzug die einzige Wachstumsbranche, und das, obwohl die Verbrechensrate sinkt.

Rauschgiftdelikte sind die häufigste Haftursache, auch in Italien. Sind dort die Mehrzahl der Strafgefangenen Immigranten, so sind es in den USA vorwiegend Schwarze. Diese nüchternen Tatsachen machen Conovers Buch lesenswert. Was er dagegen als Undercover Titel erfährt, ist begrenzt. Er identifiziert sich schnell mit seinen Kollegen. Was der Leser über sie erfährt, bleibt schemenhaft. Die Kommunikation mit den Gefangenen ist stets einseitig, er erfährt nur, was sie ihm erzählen. Es wäre auch prekär, gegenüber den Gefangenen von sich zu sprechen. Denn dies gehört zu den ersten Regeln, die der zukünftige Wärter zu lernen hat: Jede persönliche Information wird zum Instrument der Macht.

Alle drei Autoren beobachten die Infantilisierung der Strafgefangenen. Conover zählte während einer Schicht, wie oft er auf einfache Bitten hin wie gegenüber einer Horde von Kindern "Nein" sagen musste. Selbst der italienische Begriff für ein Gesuch, domandina, unterliegt der Verniedlichungsform, stellt Sofri fest. Er verfasste davon zu Beginn seiner Haft oft 20 am Tag: "für die Erlaubnis zum Erwerb einer Anzahl von 2 (zwei) Tennisbällen in gelber Farbe; für die Erlaubnis zum Erwerb einer Klobürste; Aushändigung der Tonbandkassette mit den Präludien von Chopin. Stellt euch auch nur achtzehn Tage hinter Gittern vor!" Als Sofri das 1988 schrieb, konnte er noch nicht wissen, dass man ihn 18 Jahre lang einsperren würde. Sofri, als Schriftsteller und Intellektueller weithin geschätzt, soll laut Anklage 1972 als Führer der linksradikalen Organisation Lotta Continua den Mord an dem Polizeikommissar Luigi Calabresi in Auftrag gegeben oder gebilligt haben. 1988 saß er nur wenige Monate hinter Gittern, 1997, nachdem alle Revisionen verworfen waren, wurde er bis zum Sommer 1999 erneut inhaftiert. Danach konnte die Verteidigung zwar unter anderem ein Alibi für den angeblichen Mörder vorbringen, aber das Gericht hielt an der fragwürdigen Aussage eines einzigen Kronzeugen fest. Seit Januar 2000 befindet sich Sofri im Gefängnis von Pisa.

Was kein noch so einfühlsamer Blick von draußen nachempfinden kann, ist das Nichtvergehen der Zeit. Sofri nimmt sich selbst als Objekt, liest die Berichte anderer über deren Erfahrungen und registriert seine Empfindungen. Ein Gnadengesuch lehnt er ab: Ein Unschuldiger kann nicht um Gnade bitten. Geduldig nimmt er sich Fritjof Nansen und dessen Schiff, die Fram, zum Vorbild, die sich durch das Eis der polaren Nacht treiben ließen. "Das Gefängnis ist eine Welt der Wiederholung, der Attrappe - ein Platz für allein stehende Männer mit einer etwas femininen Existenz; ein Ort des Wartens und der vorgetäuschten Geduld, des Machens, Auftrennens und Wiederbeginnens, der suspendierten Zeit: Das Gefängnis ist ein Theater, und wie im Theater altert man sogar mit Maske und Schminke."

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