• "Das literarische Quartett": Bis das Hirn schmilzt - ein folgenschweres Missverständnis

Kultur : "Das literarische Quartett": Bis das Hirn schmilzt - ein folgenschweres Missverständnis

Harald Martenstein

Nach Redaktionsschluss ist man immer schlauer. Haben Sie das "Literarische Quartett" gesehen? Wir noch nicht. Diese Zeilen werden in den Nebel eines unbekannten neuen Zeitalters hinein geschrieben, jenes Zeitalters, in dem Iris Radisch statt Sigrid Löffler im "Literarischen Quartett" die Belange der lesenden Frau vertritt. Vielleicht ist es trotzdem interessant zu erfahren, dass alles hätte ganz anders kommen können.

Die "Süddeutsche Zeitung" hat ein E-mail-Interview mit Haruki Murakami geführt, dem Autor des Romans "Gefährliche Geliebte", über den sich Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki so heftig gestritten haben, dass ihre berufliche Beziehung darüber zerbrach. Herr Murakami (51) war also gerade vom Schwimmbad nach Hause zurückgekehrt und hörte ein Klavier-Quintett von Brahms. Er bekannte, dass er von dem deutschen Streit über seinen Roman bisher nicht das Geringste gehört habe, nein, dies alles sei ihm völlig neu. Auch Namen wie "Reich-Ranicki" oder "Löffler" habe er noch nie in seinem Leben vernommen. Denn Deutschland ist, wenn man es von Japan aus betrachtet, ein sehr fernes und für Schriftsteller nur mäßig interessantes Land.

Haruki Murakami staunte, als er erfuhr, dass eine Kritikerin namens Löffler seinen Roman für "Fast Food" halte, unter anderem wegen des zweifellos ziemlich direkten Satzes: "Ich wollte sie" - gemeint ist eine Jugendfreundin des Erzählers - "bis zur Hirnerweichung vögeln." Solch einen Satz habe er nie geschrieben. Im Original heißt es nämlich: Nomiso ga tokero kurai. Was ungefähr bedeutet "Ich wollte sie vögeln, bis das Gehirn schmilzt." Das klingt weniger derb und spürbar poetischer, auch wenn der Vorgang als solcher wahrscheinlich aufs Gleiche hinausläuft.

Murakamis Roman wurde vom Japanischen ins Englische und von dort in das Deutsche übersetzt. Dabei hat offenbar, wie bei dem bekannten Kinderspiel "Stille Post", ein Vorgang des mehrfachen Vergröberns stattgefunden. Auf den Verlag DuMont wirft das kein gutes Licht. Nicht auszudenken, was aus "Gefährliche Geliebte" werden könnte, wenn die deutsche Übersetzung in einem dritten und vierten Schritt auch noch ins Dänische und von dort in Kisuaheli übertragen würde, wahrscheinlich etwas im Stil der St.-Pauli-Nachrichten. Sehr wahrscheinlich aber hätte Sigrid Löffler eine originalgetreue Übersetzung gnädiger beurteilt, der Streit wäre weniger heftig ausgefallen, sie säße noch immer im Quartett.

Es handelt sich um eines der folgenschwersten Missverständnisse der jüngeren deutschen Kulturgeschichte, vergleichbar allenfalls mit der "Emser Depesche" des Jahres 1870, als Bismarck ein Telegramm des Kaisers durch Kürzungen zuspitzte und so Frankreich zum Krieg provozierte. Um eine abschließene Gesamtwürdigung der Murakami-Affäre gebeten, schrieb Haruki Murakami: "Es kostet viel Zeit und Geld, zu übersetzen". Und: "Handlungen, die aus Hass oder Ärger geboren werden, tragen selten gute Früchte."

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