• Das Mädchen mit dem Schürhaken „Die Beauty Queen von Leenane“ im Berliner Theater 89

Kultur : Das Mädchen mit dem Schürhaken „Die Beauty Queen von Leenane“ im Berliner Theater 89

Günther Grack

Eine Wohnküche, wie man sie im Hinterhof jedes zweiten Altbaus in Berlin-Mitte finden könnte. Ungewöhnlich für hiesige Verhältnisse ist nur der schwere Schürhaken, der am Kohlenherd lehnt wie ein Schwert. Das Berliner Theater 89 hat das Material für seine Aufführung von Martin McDonaghs Stück „Die Beauty Queen von Leenane“ augenscheinlich auf allerlei Trödelmärkten zusammengesucht. Das Kabuff, das die „Schönheitskönigin“ mit ihrer tyrannischen alten Mutter teilen muss wie eine Gefängniszelle, ist vollgestopft mit Trivialität: eine enge Welt, die sich nur in Momenten visionärer Sehnsucht öffnet. Dann wenigstens weicht die Wand dem freien Blick in einen Himmel der Morgenröte, wie er auch über dem original irischen Schauplatz des Stücks prangen könnte.

Das Dorf Leenane, im Westen der grünen Insel an einem Fjord gelegen zwischen Bergen, die „Kahler König“ oder „Teufels Mutter“ heißen, ist in Wirklichkeit allerdings viel zu klein, um eine Schönheitskönigin zu küren. Maureen Folan, ein spätes Mädchen, das keinen anderen Lebensinhalt kennt als die Sorge um die gebrechliche Mutter, darf sich dieses Titels nur eine einzige Nacht lang erfreuen – als Zeugnis zärtlicher Zuneigung eines Mannes, der sie tags darauf einladen wird, mit ihm zusammen nach Amerika auszuwandern. Der Brief, der ihr den Weg in ein neues Glück weisen würde, erreicht sie jedoch nicht: Maureens Mutter, aus dem gesunden Egoismus der kranken Greisin heraus, hat ihn über dem alten Herd verbrannt, den sie in ihrem Schaukelstuhl hütet. Was sie allerdings selbst das Leben kosten soll – der schwere Schürhaken wird für die Tochter nämlich alsbald zur Waffe mörderischer Vergeltung.

Der als Sohn irischer Eltern in London lebende Autor Martin McDonagh, der vor einem Jahr, kurz nach dem 11. September, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters mit einer grellen Terrorismus-Farce sehr gemischte Gefühle hervorrief, balanciert auch diesmal wieder auf dem schmalen Grat zwischen Burleske und Tragödie. Anders aber als jener politisch-satirische „Leutnant von Inishmore“ beschränkt sich „Die Beauty Queen von Leenane“ auf den privaten Konflikt; die Regie ist hier lediglich herausgefordert, das fragile Verhältnis zwischen Mutter und Tochter behutsam auszutarieren, das heißt von vornherein das böse Ende zu bedenken, auf das die zunächst lustige Geschichte hinausläuft.

Die Inszenierung von Hans-Joachim Frank wird diesem Auftrag durchaus gerecht – schon dank der nervösen Intensität, die Simone Frost in der Rolle der Maureen von Anfang an spüren lässt. Die demonstrativ ironische Beflissenheit, mit der sie, Brei bereitend, Tee brühend, ihrer Mutter dient, kann jäh umschlagen in eine nackte Wut, die der Alten den Tod an den Hals wünscht. Christine Gloger verleiht der Figur der Mutter jene ebenso höhnische wie dümmliche Überheblichkeit, die es ihr nicht gestattet, die Gefährlichkeit der gedemütigten Tochter zu erkennen. Und das, obwohl diese Gefährlichkeit deutlich ablesbar ist, vor allem am Crescendo der hysterischen Erregungszustände vom stummen Blick gen Himmel bis zum gellenden Schrei. Rührend in seiner Hilflosigkeit um Maureen bemüht: Bernhard Geffke als Partner jener ersten und einzigen Nacht; und in der Rolle seines jungen Bruders, der als Briefbote fatal an seiner Ungeduld scheitert, amüsiert Stefan Kowalski mit aufmüpfig-schlaksigem Gehabe.

Das Theater 89 plant, noch weitere Werke von Martin McDonagh herauszubringen. Mit der „Schönheitskönigin“ hat es sich für diese Zukunft Glückwünsche verdient.

Weitere Vorstellungen im Theater 89 in der orstr. 216, am 10., 14. bis 17., 21. bis 24., 28. bis 30. November, jeweils um 20 Uhr.

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