Kultur : Das Mädchen Rosemarie: Rolf Thieles bester Film

Jan Gympel

Ob Bernd Eichinger sein "Vera Brühne"-Projekt packt, den Film über den Aufsehen erregenden Mordprozess am Ende der Adenauer-Ära? Zweifel sind angezeigt - angesichts seines Remakes über den größten Sittenskandal der Nachkriegszeit, in dem er Leben und Tod der Edelhure Rosemarie Nitribitt ein Denkmal zu setzen suchte. Viel analytischer und gesellschaftskritischer war Erich Kuby mit dem Stoff umgegangen - und das direkt, nachdem Das Mädchen Rosemarie Anfang November 1957 ermordet aufgefunden worden war. Der Journalist hatte sie als Paradebeispiel für den Aufbauwillen der Deutschen ausgemacht. Kein Flittchen wie bei Eichinger, sondern eine Dame. Aus desolatesten Verhältnissen hatte sie sich hochgearbeitet - und erkannt, dass man immer mehr bieten muss als die Konkurrenz. Die unsentimentale Verwaltung und Verwertung menschlicher Bedürfnisse und Gefühle war um so erfolgreicher, als viele finanziell potente Kunden damals offenbar nicht nur nach körperlicher Zuwendung dürsteten, sondern auch nach einer Möglichkeit, sich auszusprechen. Ins Straucheln geriet die Hure, so Kuby, folglich erst, als sie ihrerseits begann, ihre Gefühle nicht mehr zu ignorieren. Nicht nur wegen seines Staraufgebots (Nadja Tiller, Gert Fröbe, Peter van Eyck, Hanne Wieder, Carl Raddatz, Mario Adorf), sondern vor allem weil die Dreharbeiten im Vorfeld behindert wurden und die Kirchen massiv vor diesem "die käufliche Unzucht fördernden Machwerk" warnten, wurde der Film ein Kassenschlager der 50er Jahre. Es ist nicht nur Rolf Thieles bester Film, sondern bis heute einer der herausragendsten und frechsten Filme aus 51 Jahren Bundesrepublik

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