Kultur : Das Märchen vom Dialog

Rainer Glagow

Was vor 40 Jahren als zeitlich begrenzte Anwerbung von "Gastarbeitern" aus der traditionell befreundeten Türkei begann, ist zu einem damals nicht voraussehbaren Phänomen geworden: In Deutschland gibt es heute eine zum Bleiben entschlossene islamische Gemeinschaft von über drei Millionen Gläubigen. Verwundert stellen die Deutschen, sofern sie überhaupt ein historisches Bewusstsein besitzen, fest, dass die Präsenz der muslimischen Zuwanderer ganz andere Probleme aufwirft als früher entstandene und gemeisterte Herausforderungen - wie etwa die Aufnahme von verfolgten Salzburgern und Hugenotten in Preußen oder die Integration polnischer Arbeiter im Ruhrgebiet, die bereits in der zweiten Generation zu überzeugten Deutschen wurden.

Im Unterschied zu den Muslimen handelte es sich damals um Zuwanderer aus dem gleichen europäischen Kulturraum. Aber schon die heute aus dem Balkan, Osteuropa oder Russland zu uns kommenden Menschen treffen bei ihrer Eingliederung in die moderne deutsche Gesellschaft auf weit mehr Schwierigkeiten als die südeuropäischen Immigranten aus der Gastarbeiterzeit. Welche Probleme man hier auch immer feststellen muss: Im Vergleich mit den von muslimischen Einwanderern verursachten Schwierigkeiten erscheinen sie lösbar und weit weniger beunruhigend. Die Religion und Kultur des Islam ist einer Mehrzahl der Deutschen (und Europäer) bis heute zutiefst fremd geblieben.

Ein anderes Menschenbild

Die Kenntnisse über den Islam sind in erschreckender Weise rudimentär und leider oftmals falsch. Verharmlosungen und Schönfärbereien täuschen darüber hinweg, dass das Gottes- und Menschenbild des Islam und die Vorstellungen der Muslime von Religion, Gesellschaft und Staat erheblich vom überkommenen westlich-christlichen Verständnis abweichen. Umgekehrt ist gleichermaßen festzustellen, dass die Bemühungen der Muslime, sich ihrerseits mit den Traditionen und Werten der deutschen Gesellschaft vertraut zu machen, in engen Grenzen bleiben. Ganz im Sinne ihres religiös-politischen Umma-Gedankens (von der idealen islamischen Gemeinschaft), wie sie ihn in ihren Heimatländern gewohnt sind, streben viele Gläubige des Islam in Deutschland danach, möglichst in geschlossener, nach außen abgeschotteter und gegen verderbliche Einflüsse geschützter islamischer Umgebung zu leben.

Diese Beobachtung bezieht sich in erster Linie auf die Mehrheit derjenigen Muslime, deren bildungsmäßige und soziale Voraussetzungen sehr bescheiden sind. Aus ihrer Idealvorstellung von der Verwirklichung islamischen Lebens in der Fremde resultiert eine Vielzahl von Problemen, welche die Integration in die demokratisch verfasste Mehrheitsgesellschaft erschweren oder zum Scheitern verurteilen: Unkenntnis der deutschen Sprache, Festhalten an religiös und ethnisch bedingten Sitten und Verhaltensvorschriften - etwa an einem Ehrbegriff, der mitunter zu Gewalttaten führt, Schwierigkeiten mit dem Grundgesetz, Verführbarkeit durch den radikalen Islam ("Fundamentalismus").

Auch die Integration der Kinder wird erschwert, wenn muslimische Mädchen nicht an Ausflügen ihrer Klasse oder am Schulsport teilnehmen dürfen. Die Abschottung muslimischer Wohngebiete von ihrer deutschen Umwelt führt zu Erscheinungen der sozialen Segregation. Vielfach unter dem Einfluss radikal-islamischer Moscheen und "Kulturvereine" kommt es zu einer Verfestigung islamischer Denkstrukturen gerade unter den heutigen Enkeln und Urenkeln der "Gastarbeiter" von vor 40 Jahren.

Ein hoher Prozentsatz von Jugendlichen ohne Schul- und Berufsabschluss, überdurchschnittlich große Anteile an der Arbeitslosigkeit und Jugendkriminalität, die ambivalente Situation zwischen der religiösen Sittenstrenge der Familie und den Verlockungen der westlichen "Spaßgesellschaft", das Unsicherheitsgefühl, ob sie sich mehr der eigenen religiösen oder der deutschen säkularen Identität anschließen sollen, treiben die verunsicherten muslimischen Jugendlichen vielfach in die Arme der Fundamentalisten. Diese verheißen ihnen Geborgenheit, Selbstbewusstsein und islamisches Überlegenheitsgefühl. Das drohende Scheitern der Integration muslimischer Einwanderer bringt es mit sich, dass sich ein enormes religiös-ethnisch-soziales Konfliktpotenzial zwischen der deutschen Gesellschaft und der islamischen "Parallelgesellschaft" aufbaut. Vom Miteinander führt der Weg über das Nebeneinander zum Auseinander und zum Gegeneinander.

Was ist in dieser Situation zu tun? Auch Bundespräsident Johannes Rau spricht sich dezidiert gegen Multi-Kulti-Illusionen aus und warnt vor "falsch verstandener Ausländerfreundlichkeit". In der Tat ist es dringend notwendig, statt geschönter Wunschvorstellungen auch unangenehme Realitäten zur Kenntnis zu nehmen. Vielfach ist es so, dass man sich in Unkenntnis der Kernprinzipien des Islam diese Religion so vorstellt, wie man sie sich in idealer Weise wünscht (Stichwort: Euro-Islam). In der Konsequenz fragt man sich dann gar nicht mehr, weshalb es einem muslimischen Gläubigen, der seine Religion ernst nimmt und sich an das aus Koran und Sunna (Handlungen und Aussprüche des Propheten Muhammad) hergeleitete religiöse Recht, die Scharia, halten will, so schwer fällt, sich in einem total säkularisierten Staat des Westens zurechtzufinden.

Der Islam hat es bisher nicht vermocht, aus sich selbst heraus die heutige wirtschaftliche und soziale Unterentwicklung der Dar-al-Islam ("Haus des Islam", die islamische Welt) zu beenden. Es bleibt eine unabweisbare Tatsache, dass in keinem Land der Weltreligion des Islam - die mehrere Kontinente umfasst, 1,3 Milliarden Gläubige zählt und dazu noch in unaufhaltsamem demographischen Anwachsen begriffen ist - bisher eine auch nur einigermaßen funktionierende Demokratie oder sozial gerechte Ordnung errichtet werden konnte. Von Pluralismus, Gleichberechtigung, Religions- und Geistesfreiheit ganz zu schweigen.

Viele Deutsche fragen sich angesichts der permanenten Errichtung neuer Moscheen hierzulande, weshalb es in den meisten islamischen Ländern nicht gestattet ist, Kirchen zu bauen und weshalb Christen oft verfolgt oder diskriminiert werden. Da sich in der islamischen Welt keine selbstbewusste Bürgergesellschaft entwickeln konnte, fehlt eine wichtige Voraussetzung für Demokratie. Welche politische Alternative zu einem islamischen Regime bietet sich in diesem Kontext eigentlich für ein von den Taliban befreites Afghanistan? Kann die gegen Atatürks laizistische Republik gerichtete Reislamisierung in der Türkei in demokratische Bahnen gelenkt werden? Kann die islamistische Unterwanderung der Staaten und Gesellschaften in der Dar-al-Islam gestoppt werden? Dies sind nur einige der aktuellen Fragen, die sich aufdrängen.

Eines der wichtigsten Probleme, das auch die seit dem 19. Jahrhundert versuchte Islamreform nie zufriedenstellend zu lösen vermochte, ist die vom Islam vorgegebene Einheit von Religion, Gesetz, Staat und Politik. Die Formel "al-Islam Din wa Daula" (Der Islam ist eine Religion und ein Staat) gehört zum Erbe dieser Religion, die sich als Ganzheitssystem für die von Allah gewollte menschliche Gemeinschaft auf Erden empfindet.

Erstickte Geistesfreiheit

Kann dieses Erbe ohne Schwierigkeiten aufgegeben werden? Die den Gläubigen im Koran befohlenen Richtlinien für das geistliche und weltliche Leben können schon allein deshalb nicht abgeschafft werden, weil der Koran im Gegensatz zur christlichen Bibel als das ewige, "unerschaffene Wort Allahs", als sein wesensimmanenter Wille, gilt. Der Mensch ist keinesfalls befugt, den Koran, also den Willen Allahs, in verbindliche, weniger verbindliche oder sogar heutzutage nicht mehr gültige Ge- und Verbote aufzuteilen (wie es einige wenige, wirkungslos gebliebene Reformer tatsächlich versucht, und - wie im Falle des Sudanesen Taha - sogar mit dem Leben bezahlt haben).

Die islamische Orthodoxie hat es in mehreren Phasen der Islamgeschichte geschafft, mit ihrer rigorosen Auslegung der heiligen Schriften und Gesetze die Geistesfreiheit in der Dar-al-Islam zu ersticken. So vernichtete sie im 9. Jahrhundert die rationalistische Philosophie und Theologie der Mutasila-Bewegung. Im 12./13. Jahrhundert wurden die großen aristotelischen Philosophen als Ketzer verfolgt und ihre Werke verfemt. Damit läutete die Orthodoxie den Niedergang und die Dekadenz der islamischen Hochkultur des Mittelalters ein.

Nie hat es der moderne Islam geschafft, wieder an diese Zeiten anzuknüpfen. Es bleibt festzuhalten, dass die rigorose Anwendung unwandelbarer Grundprinzipien dieser Religion zur Zerstörung der eigenen Kultur geführt hat. Und die gleiche Orthodoxie ist heute im Gewand des Islamismus wieder auf dem Vormarsch.

Die absolute Gültigkeit der Scharia ist für alle Gläubigen bis heute unverzichtbar. Diejenigen Muslime, die in einem fremden Land außerhalb der Dar-al-Islam, etwa in Deutschland, leben, sind zwar zeitweilig von einigen Bestimmungen der Scharia befreit und müssen die Gesetze des Gastlandes beachten, wenn diese nicht eklatant dem Islam widersprechen. Sie sind aber gehalten, für die Anwendung der Scharia permanent zu arbeiten. Daher hört man des öfteren Forderungen, den Muslimen in Deutschland die Befolgung ihres eigenen Rechtes zuzugestehen. Auf der Scharia beruht aber unter anderem auch die Minderstellung der Frau, die Ablehnung der Religionsfreiheit für Muslime und die Einschränkung des Pluralismus und der individuellen Freiheitsrechte des Individuums. Auch das Gebot des Dschihad, des religiös gerechtfertigten Krieges islamischer Staaten oder des Kampfes einzelner Muslime zwecks Erwerb des religiös höchst verdienstvollen Märtyrertums, ist in der Scharia enthalten. Die religiös-rechtliche Begründung des Dschihad dient den islamistischen Kämpfern gegen die eigenen "unislamisch" empfundenen Regime und gegen den ungläubigen Westen als Legitimation.

Die Islamisten sind orthodoxe Gläubige, welche die traditionelle Einheit von Religion und Politik im Islam zum Ausgangspunkt nehmen, um eine totalitäre Ideologie zu entwickeln. Diese ist für sie der wahre Islam. Die islamischen Gemeinden in Deutschland werden sich kaum vollständig von den religiös-politischen Entwicklungen und Impulsen ihrer Herkunftsländer abschotten können. Sie werden dies auch nicht ohne weiteres wollen. Nach den Ereignissen des 11. September müssen deshalb radikal-islamische Bestrebungen auch bei uns sorgfältiger beobachtet werden als früher. Es kann nicht geduldet werden, dass Moscheen zu Stützpunkten eines neuen Extremismus und Antijudaismus in Deutschland werden.

Welche Möglichkeiten gibt es von deutscher Seite, Einfluss auf die Entwicklung des hier etablierten Islam zu nehmen? Sicherlich nur sehr wenige. Bei diesem Thema wird immer wieder der christlich-islamische Dialog als eine Art Allheilmittel genannt. Man misst ihm geradezu Wunderkräfte bei der Konfliktvermeidung und Problemlösung bei. Man muss allerdings vor einer Überschätzung der Dialogmöglichkeiten warnen. Notwendige Vorbehalte, geboren aus praktischen Erfahrungen und nüchterner Einschätzung der politischen Wirkung, stoßen bei den überzeugten Dialogverfechtern selbstverständlich kaum auf Gegenliebe. Aber die Problematik beginnt schon bei der Frage, wer von deutscher beziehungsweise muslimischer Seite das Gespräch führen soll.

Wenn deutsche Experten und Wissenschaftler sich mit Intellektuellen aus islamischen Ländern treffen, ergeben sich schnell gemeinsame Positionen. Die Dialogpartner gehen in der Regel von gleichen Kriterien aus, die ihnen auf westlichen Universitäten vermittelt wurden. Auch die muslimischen Dialogteilnehmer können in diesem Fall als säkularisiert und stark westlich beeinflusst bezeichnet werden. In Sachen Fortschritt und Moderne geben sie sich oft der Selbsttäuschung hin. Sprechen sie doch keineswegs im Namen ihrer Glaubensbrüder, mit denen sie selbst größte Verständnisschwierigkeiten haben. Viele unter ihnen sind selbstentfremdete Muslime. Da sie im Unterschied zu den Massen in ihren Herkunftsländern den Sprung vom Mittelalter in die Moderne geschafft haben, sind sie schon allein deswegen nicht als authentische Vertreter des real existierenden Islam, sondern einer eher utopisch zu nennenden Version von Islam anzusehen. Der Dialog mit ihnen kann zwar eine theoretische Übereinstimmung in wichtigen Problembereichen bringen, trägt aber kaum etwas zur Lösung der praktischen Fragen bei.

Selten genug aber findet ein Dialog zwischen den wirklich Betroffenen statt, welche die Gegensätze zwischen deutscher Gesellschaft und islamischer Glaubensgemeinschaft täglich erleben und ihnen oft hilflos gegenüberstehen. Solche Gespräche, wenn sie denn stattfinden, ermangeln der Kenntnisse über die jeweils andere Seite.

Die Dialogpartner missverstehen sich vor allem deshalb, weil sie auf unterschiedlichen Bewusstseinsebenen leben. Die Deutschen haben sich in der Regel weit von ihrer eigenen christlichen Religion entfernt. Sie können sich überhaupt nicht mehr vorstellen, dass andere Menschen eine Religion nicht nur praktizieren, sondern die Welt auch nach deren Geboten geordnet sehen wollen. Die Muslime hingegen verstehen ihre deutschen Dialogpartner nicht, weil diese säkular reden, denken und handeln. In einem solchen Dialog stoßen Partner aus zwei Welten aufeinander.

Postmoderne trifft auf Mittelalter

Die Deutschen befinden sich in der Postmoderne, in einer Gesellschaft der Beliebigkeit, oftmals in hedonistischem Anspruchsdenken befangen. Die Muslime hingegen messen das Leben an den Vorgaben einer Religion, die in einer Zeit vor der Aufklärung verharrt. Oftmals kommen sie direkt aus einem mittelalterlichen religiös-politischen Ganzheitssystem, das persönliches und öffentliches Leben verbindlich regelt. Wenn die deutschen Dialogpartner dann um des lieben Friedens willen auch noch signalisieren, dass ihnen eigene christliche Glaubensvorstellungen nichts bedeuten, ist das Missverständnis perfekt und sehen sich die gläubigen Muslime in dem Überlegenheitsanspruch ihrer Religion voll bestätigt.

Ein synkretistisches Religionsverständnis oder ein wie auch immer gearteter "Weltethos" stoßen bei überzeugten Muslimen auf wenig Gegenliebe. Kompromisse auf der Basis total unterschiedlicher Denk- und Beurteilungskriterien suggerieren scheinbaren Erfolg, führen aber zu nichts Konkretem, beseitigen die Gegensätze nicht. In diesem Zusammenhang erübrigt es sich, auf einen fruchtbaren Dialog gar mit islamischen Fundamentalisten zu hoffen.

Der Wille zur Integration muss auf beiden Seiten bestehen. Nicht nur die Deutschen müssen sich den Muslimen öffnen, sondern auch umgekehrt. Die Bereitschaft hierzu ist begrenzt, weil man sich gegenseitig nicht kennenlernt und das gegenseitige Fremdsein nicht überwinden kann (oder will). Beispielsweise bewirkt das demonstrative Tragen des Kopftuches gewollte Abgrenzung von der deutschen Gesellschaft. Die Gegensätze und die Desintegration werden sich noch verschärfen, wenn die muslimische Bevölkerung immer mehr unter den Einfluss der extremistischen Islamisten geraten sollte, worauf leider viele islamische "Kulturvereine" und Moscheen unbehelligt hinarbeiten. Dann wird auch der innere Frieden in Deutschland durch enorme Konfliktpotenziale immer häufiger gestört werden.

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