Kultur : Das Märchen vom Großen Kind

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Von Christoph Funke

Erzählen wir uns ein Märchen. Es ist eine große Familie, eine nachdenklich-freundliche Gemeinschaft, von der diese Aufforderung ausgeht. Die Frauen und Männer haben sich verkleidet und dadurch auf andere Weise kenntlich gemacht. Und so, mit den textilen Masken um Gesicht und Köpfe, gleiten sie in eine Geschichte hinein, die eine verkehrte Welt für kurze Zeit richtig macht. Kriege finden statt, aber sie sind nicht grausam. Köpfe werden abgeschlagen, aber das ist ein Spiel. Armut drückt, aber sie macht nicht klein. Und, erstaunlicher noch: Die Mächtigen gehorchen, in Unruhe gebracht, für ein paar historische Augenblicke den einfachen Leuten. Ein Richter beugt das Recht und stellt es vom Kopf auf die Füße. So wird das Kind des ganz Großen zum Kind der Vielen ohne Herrschsucht und davor bewahrt, eines Tages böse, grausam, machtgierig sein zu müssen. Ein Märchen, und eine Hoffnung.

Auf diese Weise bringt Benno Besson mit dem Ensemble des Théâtre de Vidy-Lausanne Bertolt Brechts Stück „Der kaukasische Kreidekreis“ auf die Bühne. Mit Anmut, leicht, beschwingt und voller naivem Zauber. Die Spieler machen in ihrer eigenen, durch hochragende Tücher abgegrenzten Welt alles selber. Leichte Behältnisse aus Holz, Stoff und Bambusstäben rollen über die Bühne, sind Palast und Kirche, Bauernhaus und ärmlicher Verschlag, der gefährliche Gang ins Gebirge wird fröhlich materialisiert durch ein Gestänge aus Stricken und schwankenden Tritten, der Thron des Richters fährt durch die Landschaften fast atemlos schnell, mit einigen bedächtigen Aufenthalten.

Das wahrlich komplizierte Stück wird wie im Geschwindschritt durchgegangen, und dieses „Gehen“ der Figuren ist kunstvoll ausgearbeitet, präzise bis in die kleinste Bewegung hinein, und doch wie improvisiert, fröhlich, fast kindlich. Alle ideologischen Gewichte sind abgeworfen, zu Tage tritt Brechts poetische Utopie von einer menschlichen Welt.

Schon auf die dialektischen Spitzfindigkeiten des Vorspiels ist verzichtet worden, denn mit Sozialismus in einem engen klassenkämpferischen Sinn solle die Aufführung nichts zu tun haben, erklärte Besson vor Beginn des Spiels. Aber auch den „Sänger“ als allwissenden, trocken lehrhaften Erzähler gibt es nicht mehr – eine Gruppe von Männern und Frauen übernimmt den Bericht, in manchmal besorgter, zumeist freundlich verschwörerischer Art. Was erzählt wird, scheint bekannt, denn die 19 Spieler teilen sich die vielen Rollen, vervielfachen sich gewandt und überlegen, zeigen sich gegenseitig vor, wie es auf der Welt zugeht – und zugehen könnte. Und so entwerfen sie ein Gesellschaftsmodell von hohem Anspruch, aber ohne jeden überredenden Eifer. Sie bleiben im Spiel, und sie behaupten den Spaß, den sie an der Geschichte haben.

Benno Besson hat sich stets zu einem Theater bekannt, das die Wirklichkeit „aufs Spiel setzt“. Mit diesem „Kaukasischen Kreidekreis“ ist ihm das in verblüffender Weise gelungen. Er will Überlegenheit, der Spieler gegenüber dem Text, der Zuschauer gegenüber dem Spiel. Nur so kann an Bösem nichts verschwiegen und dennoch die Hoffnung, der Lebenswille gestärkt werden. Als „unersättlich in seinen Erwartungen“ hat Carmen-Maja Antoni den Regisseur einmal beschrieben – im „Kaukasischen Kreidekreis“ war sie als Gast mit dabei.

Dass diese unersättlichen Erwartungen eine geradezu selbstverständliche Lockerheit des ganzen Spiels zur Folge haben können, beweist das verschworene Ensemble des französischen Theaters mit Bravour. Coline Serreau spielt die Grusche mit einer tatkräftigen Schlichtheit, ohne gemachten Liebreiz, sogar leicht gebeugt. Diese junge Frau ist einfach da, sie tut wie selbstverständlich das Richtige. Die Schauspielerin gibt ihr dabei eine Unverletzbarkeit, die aus unbewusster Würde entsteht. Ihre Grusche kennt das Leben und lässt sich nicht einfangen von verführerisch romantischen Gefühlen, sie ist praktisch, überlegen, hat hinreißende Freudenausbrüche und auch untergründig wilden Zorn.

Besson baut die Inszenierung auf diese Figur, diese Frau, die sich in einer Männerwelt durchsetzt und dabei nüchtern bleibt, das helle Glück ist ihre Sache bis zuletzt nicht. Gilles Privat zeigt seinen Azdak als den überlegen Zerlumpten, der sich an seiner Rednergabe berauscht und zu großartigen Gebärden hinreißen lässt, aber lauernde Vorsicht behält und der kreatürlichen Angst nicht entgeht. Aber auch diese Haltung zwischen Himmel und Hölle wird wie nebenbei produziert, sie stützt souverän das nachdenklich Übermütige der Inszenierung.

Die Spieler haben das Glück, in einer zauberischen, kunstvollen Welt spielen zu können, der alles Prunkvolle fehlt. Ezio Toffolutti (Bühnenbild, Masken, Kostüme) sorgte für eine pastellfarbene Einfachheit, für die verblüffende Schlichtheit der kleinen Räume im großen Raum, für das Bäuerlich-Einfache der Gewandungen, die das Wesen der Figuren gerade in der Verhüllung deutlich machen. Mitunter erinnern Farbgebung und Lichtgestaltung, auch Arrangements wie von fern an Brechts eigene „Kreidekreis“-Inszenierung im Bühnenbild von Karl von Appen aus dem Jahr 1954. In diesem Jahr war das Berliner Ensemble mit Benno Bessons Inszenierung von Molières „Don Juan“ ins Theater am Schiffbauerdamm eingezogen, drei Jahre später dann schuf Besson dort seine legendäre Inszenierung des „Guten Menschen von Sezuan" mit Käthe Reichel.

Nun wurde er bei seiner Rückkehr ins Berliner Ensemble mit dem Théâtre de Vidy-Lausanne stürmisch gefeiert. Das Publikum hielt es bei seinem langen, jubelnden Beifall nicht auf den Plätzen. Bertolt Brecht war wieder da, neu, anders, auch durch die fremde Sprache, und dennoch vertraut und glückhaft gegenwärtig.

Gastspiel-Aufführungen noch vom 15. bis 19. Juni, jeweils 19.30 Uhr.

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