Kultur : Das Märchen von der Ehe zu dritt

GÜNTHER GRACK

"Es war einmal", so beginnen alle Märchen, und so beginnt auch diese Aufführung von Goethes "Stella" in der Schaubühne am Lehniner Platz.Ein kleines Kind, ein Dreikäsehoch, tritt vor den Vorhang und malt mit weißem Stift die drei Worte darauf - eben jene, mit denen später, gegen Ende des Stücks, Cäcilie die erbauliche Geschichte einer Ehe zu dritt einleiten und damit ihren eigenen Konflikt mit ihrem Gatten Fernando und dessen Geliebter Stella zu einem Happy-End führen wird.Es war einmal, so erzählt Cäcilie, ein deutscher Graf, der brachte von einem Kreuzzug ins Morgenland ein junges Mädchen nach Hause mit und bat sein Weib, seine Befreierin aus Gefangenschaft freundlich zu empfangen und ihre Liebe würdig zu belohnen: "Und ihr Glück faßte selig Eine Wohnung, Ein Bett und Ein Grab." Und wenn sie nicht gestorben wären, dann lebten sie noch heute ...

Glaubt Andrea Breth an dieses Märchen? Die ehemalige künstlerische Leiterin der Berliner Schaubühne, als Regisseurin zuletzt mit Tschechows "Onkel Wanja" erfolgreich, nimmt Abschied von dem Haus, das mit Thomas Ostermeier und Sasha Waltz einer neuen, jungen Zukunft entgegengeht.Mit "Stella" inszeniert allerdings auch sie ausdrücklich das Stück eines jungen Autors, nämlich die Erstfassung aus dem Jahr 1775, die Goethe mit jenem harmonischen Schluß ausklingen läßt.Die Ehe zu dritt: für das 18.Jahrhundert freilich ein Skandalon.Selbst ein so bedeutender Theatermann wie Friedrich Ludwig Schröder, der am 8.Februar 1776 in Hamburg die Uraufführung wagte, mußte zurückstecken, als der Senat der Hansestadt Wiederholungen untersagte.Dreißig Jahre mußten vergehen, bis sich der Autor, nicht zuletzt auf Schillers Drängen, zu einer Umarbeitung entschloß und "Stella" auf dem Weimarer Hoftheater als Tragödie endete: Stella, sich vergiftend, und Fernando, sich erschießend, fliehen aus dem Leben.Die schöne Geschichte von dem Grafen, seinen beiden Frauen und ihrem gemeinsamen Glück - es war einmal.

Ein bißchen traurig ist nun, daß auch Andrea Breth den Mut zu diesem wie auch immer naiven, so doch enthusiastisch beflügelten Optimismus nicht aufbringen mag.Das "Schauspiel für Liebende", das der Untertitel verheißt, bläst Trübsal von Anfang bis Ende, von der Morgenstunde bis in die Mondnacht.Eine Atmosphäre der Morbidität macht sich lastend breit, optisch wie akustisch.Das Stück spielt in einer Eiswüste, die von Szene zu Szene bedrohlicher wirkt; je weiter sich die Türen der kahlen Interieurs öffnen, desto breiter lagert draußen unter fahlem Himmel eine schneeweiße Front; auch eine Baumgruppe ist längst abgestorben zu starrem Geäst.Und immer wieder tönt in die Bühnenbilder des Malers Arwed D.Gorella eine Sphärenmusik herein, komponiert von André Werner: ein Pochen und Sirren, abgehoben von allem, was wie Alltag anmuten könnte.

"Der erste Akt, der das äußere Leben vorstellt, muß außerordentlich gut eingelernt sein." Goethes Hinweis, aus dem Aufsatz "Über das deutsche Theater", trotzt Andrea Breth mit eigenen Vorstellungen vom Personal des Posthauses, das, neben aufgehäuften Säcken undefinierbaren Inhalts mit einem langen Eßtisch ausgestattet, zugleich als Gasthaus dient.Die Postmeisterin, gespielt von Swetlana Schönfeld, angeblich eine "junge, heitere Witwe", schimpft den Wirtsburschen, der ihr nicht alert genug ist, in einem Ton aus, als habe sie es mit einem rotzfrechen Halbstarken zu tun - dabei ist dieser Karl (mädchenhaft zart: Sophie Charlotte Lübbe) jener rührende Knirps, der eben noch "Es war einmal" auf den Vorhang geschrieben hat.Die Nerven liegen bloß, so will uns die Regisseurin andeuten, bei all diesen Menschen.Auch Fernando, der in dem Gasthaus absteigt, um nach jahrelanger Abwesenheit zu der gegenüber wohnenden Stella zurückzukehren, hat - so zeigt uns der Schauspieler Michael König erschröcklicherweise - zunächst nichts anderes zu tun, als seinen Bedienten, der sich im Heißhunger über einen übriggebliebenen Suppenteller hermacht, unbeherrscht anzubrüllen.

Für einen Stimmungswechsel sorgt dann, zum Glück, ein neues Gesicht im Ensemble: Jana Becker als Luzie, die mit ihrer Mutter Cäcilie, Fernandos schnöde verlassener Frau, am selben Morgen in dem Gasthaus eingetroffen ist, um sich - wie das Leben respektive das Theater so spielt - bei Stella als Kammerjungfer zu verdingen.Die Begegnung der ahnungslosen Tochter mit dem ahnungslosen Vater ist der Regie bezaubernd gelungen: Jana Becker sprüht vor lachlustigem Selbstbewußtsein im koketten Flirt mit dem gestandenen Mann, und Michael Königs Rauhbein bezeugt mehr als nur chevaleresken Respekt vor dem Lebensmut des Mädchens, verrät vielmehr, daß er von soviel Wesensheiterkeit tief beeindruckt ist.

Die Crux, an der Königs Fernando trägt, ist der Umstand, daß diese Figur nicht nur jünger, sondern auch weicher vorzustellen ist.Nicht von ungefähr ist Fernando, zwischen Freiheitsdrang und Herzensbindung hin- und hergerissen, ein Spiegelbild seines Schöpfers: Goethe, der Mittzwanziger, reflektiert darin sein Verhältnis zur damaligen Verlobten Lili Schönemann.Wie prekär diese Beziehung war, deuten die Widmungsverse an, die er ihr in ein Exemplar der "Stella" schrieb: "Und daß vergebens Liebe vor Liebe flieht." Und dennoch ist er, der junge Mann, vor Lili geflohen wie Fernando vor Cäcilie und Stella.Eine Figurenkonstellation, die sich so jugendfrisch in Berlins Schaubühne nicht wiederfindet; Fernando, noch als reifer Mann von einer Szene zur anderen schwankend zwischen seinen Liebsten, macht sich ein wenig lächerlich, wenn er auf die Bitte seiner tapferen Frau "Nur ein vernünftig Wort!" prompt nur ein (Reim)Wort parat hat: "Fort!"

Cäcilie, das ist in Gestalt Jutta Lampes eine schlanke Matrone, die, hinter einem Halbschleier getarnt, gemessenen Schritts durch diese düstere Welt wandelt, ihrem Gatten entgegen: ein Zusammentreffen, das in schluchzender, stammelnder Umarmung gipfelt.Freilich, zu Boden geht eine solch starke Frau nicht - anders als die jüngere Stella, die für ihre Liebe zu jenem Mann alles aufgegeben hat.Corinna Kirchhoff, das Gesicht unter dem aufgelösten Haar von der Blässe des Leidens gezeichnet, schaut den Heimkehrer aus inbrünstig großen Augen an, bricht, die hingebungsvolle Weichheit in Person, zusammen, als er ihr mit rauher Stimme ankündigt: "Ich verlasse dich."

Andrea Breth, die Schaubühne verlassend, bremst in dieser Schlußszene die hohe Emotionalität bedauerlicherweise, zudem auf eine sonderbar geschmäcklerische Art.Sei es nun ihre Idee oder die des Bühnenbildners Gorella - da rollt von rechts eine große Kugel herein, etwa die der Glücksgöttin Fortuna? Das schwarze Ding zieht seine Bahn auf einer schmalen Schneise, aus der helles Licht in den mondnachtblauen Raum hervorblinkt.Die drei Liebenden, märchenhaft vereint, beugen sich stumm darüber, als wäre von dort eine Erkenntnis darüber zu erwarten, ob ihre Ehe zu dritt gelingen kann - Finis.

Wieder am 1., 3., 5., 6.und 9.März, 20 Uhr.

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