Kultur : Das Manifest

Sternstunde: Damon Albarn & Co. im Postbahnhof

Jörg W,er

Rauchende Schlote, Gasometer, gusseiserne Brückenträger – ein apokalyptisches Stadtpanorama spannt sich hinter der Bühne auf. Vom Band scheppert grimmiger Working-Class-Dub, während sich der Postbahnhof füllt. Bange Erwartung vor dem einzigen Deutschlandauftritt einer Band, die eigentlich keinen Namen hat, aber der Einfachheit halber wie ihre Platte genannt wird: The Good, The Bad & The Queen. Kann die von Blur-Sänger Damon Albarn einberufene Studioformation unterschiedlichster Herkunft die Erwartungen erfüllen, die sie mit ihrem sagenhaften Debütalbum geweckt hat?

Als die illustre Band den sinophilen Klangteppich der aparten Streicherinnen, die am Bühnenrand sitzen, aufgreift und in den verschleppten Groove des „History Song“ überführt, verfliegt jeder Zweifel. Mit größter Lässigkeit lassen sie Einflüsse aus England, Jamaika, Westafrika und Ostasien ineinanderfließen. Und wie sie das tun. Damon Albarn, im Charles-Dickens- Outfit mit Anzug und Zylinder, umsingt die wie Luftspiegelungen flirrenden Melodien seelenvoll, hämmert entrückt auf sein Honky-Tonk-Piano ein. Tony Allen, 66-jähriger Afrobeat-Pionier aus Nigeria, entlockt dem Schlagzeug mit zarten Bewegungen minimalste Rhythmuspatterns.

Eine coolere Bühnensau als Bassmann Paul Simonon kann man sich kaum vorstellen. Man fragt sich, wo er, der wie ein Panther über die Bühne schleicht, all die Jahre seit dem Ende von The Clash gesteckt hat. Überall ist er zu finden, seine Euphorie, wieder da zu sein, ist mit den Händen greifbar. Den hüfthoch hängenden Bass schwingt er wollüstig wie ein Sexwerkzeug, während er grabestiefe, zähe Noten in den polyphonen Soundtümpel tropfen lässt. Simon Tong, mit 34 der Jüngste im Bunde, ist es von seiner Ex-Band The Verve gewöhnt, im Schatten größerer Charismatiker zu stehen. Das kompensiert er durch exquisites, fern aller bekannten Popmuster changierendes Gitarrenspiel. Vieles, was auf Platte noch tastend klingt, gerät live zum Manifest. „Kingdom Of Doom“, Albarns bittere Abrechnung mit New Labour, nimmt am Ende Fahrt auf und gerät durch Simonons muskulösen Bass fast zu einem Update von „London Calling“.

„A Soldier’s Tale“ schleicht wie ein sinistres Wiegenlied, Tong schrummelt auf einer Kindergitarre, während Albarn wie ein gefallener Cherub wehklagt. Der auch die Platte beendende Titelsong („The Good, The Bad & The Queen”) wird zum berauschenden Höllenritt, zur erlösenden Kakofonie, zum umjubelten Finale. Eine Zugabe wäre nicht nötig gewesen, aber britische Höflichkeit gebietet anderes. Sie beschließt eine Sternstunde der Popmusik, unvergesslich, magisch.

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