Kultur : Das Meer in der Luft riechen

„Augenlied“: ein Dokumentarfilm über Blinde von Mischka Popp und Thomas Bergmann

Silvia Hallensleben

Kann Behinderung Befreiung sein? Janis sieht ihre Blindheit als „Weg in die Freiheit“: Wäre das in der ländlichen Türkei geborene Mädchen normal geblieben, hätte man sie wohl so wie die meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen noch als Kind an einen familienopportunen Mann verheiratet. Doch die früh Erblindete war nicht mehr heiratsfähig und durfte zur Schule und auch sonst eigene Wege gehen. Jetzt lebt die selbstbewusste junge Frau als Telefonistin und allein erziehende Mutter in Frankfurt am Main.

Dort kann sie, wenn der Wind richtig steht, den Atlantik in der Luft riechen. Janis ist eine von einem Dutzend Blinden, die die Filmemacher Mischka Popp und Thomas Bergmann in ihrem Dokumentarfilm „Augenlied“ zusammengebracht haben, von Andalusien bis Petersburg. Mit ihrer Auffassung vom Blindsein als Glücksfall des Schicksals ist Janis in dieser Runde ein Extremfall, ein Einzelfall ist sie keineswegs. Denn auch die anderen Protagonisten sehen ihr Nicht-Sehen-Können weniger als Handicap denn als Chance, andere Formen der Anschauung intensiver wahrzunehmen. Günther Wieland liebt die Natur: Wenn er mit den Fingern Stein und Borke abfühlt, stellt er sich dabei romantische Ideallandschaften vor, wie C. D. Friedrich sie gemalt hat. Der zwergwüchsige und verkrüppelte Geigenvirtuose Stefan Demeter wird von Freunden mit dem Wägelchen zu seinem Arbeitsplatz in der Krakauer Altstadt gefahren. Wenn er anfängt, Finger und Bogen zu rühren, trägt ihn die Musik auf ihren Schwingen davon. Und der britische Philosoph John Hull erklärt uns, warum es sich besser mit geschlossenen Augen küsst.

Nur einer der Protagonisten in „Augenlied“ ist blind geboren: Der Schauspieler Reinhard Riemer, der mit einem Schrank voller Stofftiere lebt, nachdem der Tod ihm seine große Liebe genommen hat. Alle anderen haben zumindest Kindheitserinnerungen an die sichtbare Welt, die eine Grundvorstellung von Formen und Farben liefern.

1989 haben sich die beiden Dokumentaristen Bergmann und Popp in ihrem vielbeachteten Film „Kopfleuchten“ mit den Auswirkungen von Gehirnverletzungen beschäftigt. Jetzt interessieren sie sich für die technischen Details der Wahrnehmung nur noch wenig und umso mehr für das Gefühlige. Da muss die Natur mit Wasserglitzern für ergreifende Schnittbilder herhalten, Träume sollen Seelentiefe schaffen.

„Augenlied“ müht sich mit aller Gewalt, ein aufbauender, positiver Film zu sein. Doch ist das nicht auch schon Resignation? Nur die Kinder aus der Blindenschule wagen es noch, die Blindheit auch als Mangel zu benennen. Ein bisschen weniger Erbaulichkeit hätte diesem Film jedenfalls gut getan. Und etwas mehr Beschränkung: Jeder der Protagonisten von „Augenlied“ wäre einen eigenen Film wert gewesen. Besonders ärgerlich in einem Film, der sich mit der Qualität sinnlicher Erfahrungen beschäftigt ist das flächendeckende Voice-Over, das den Personen ihre Eigenstimme raubt. Rücksicht auf eine blindes Publikum, das Untertitel nicht lesen kann? Nein: Da bräuchte es sowieso einen Bilderklärer. Und gerade Nicht-Sehende dürften noch aufmerksamer auf den Stimmverlust reagieren als wir Gucklinge.

In Berlin in den Kinos Brotfabrik und fsk

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