Kultur : Das Meer ist keine Scheibe

KM

Irgendwo da draußen... Wenn wir an das Meer denken, werden unsere Vorstellungen unscharf. Wir sehen Wellen, Schaumkronen, in der Ferne vielleicht die träge Karawane der Frachtschiffe, die einem unbekannten Ziel zustreben, und das Lichtspiel der Sonne. Aber wie ,viel wissen wir über diesen größten und am wenigsten verstandenen Lebensraum der Erde? Beinahe nichts.

Auch der französische Fotograf Philip Plisson, der sich dem Meer verschrieben und jetzt einen großartigen Bildband über das maritime Leben veröffentlicht hat (Das Meer. Knesebeck Verlag, München 2002. 400 Seiten. 49,90 Euro), entlockt dem Ozean seine Geheimnisse nicht. Seine grandiosen Bilder von zerklüfteten Küsten, Werften, Segelbooten oder Leuchttürmen, die er in 30 Jahren aufgenommen hat, zeigen das Meer, wie hier an der galizischen Küste, als Fläche – und das hat Tradition. Denn für den Europäer ist das Meer vor allem Handelsweg und Rohstoff-Ressource. Fischbestände oder Erdölvorkommen bestimmen seinen Reichtum. Und auf modernen, schnellen Frachtern, die sich von den Wetterbedingungen weitgehend unabhängig gemacht haben, wird es wie ein Transitweg überwunden. Erst bei Schiffskatastrophen wie der des vor der spanischen Küste auseinander gebrochenen Tankers „Prestige“ wird das fragile Gleichgewicht des maritimen Ökosystems offenbar. Denn wenn auch der Stahlkoloss in den unendlichen Weiten des Atlantiks verschwunden ist, wird seine Ladung vom Meer nicht folgenlos absorbiert.

Der Blick in die Tiefe ist eine junge Disziplin. Und auch sie wollte zunächst vor allem den Schiffsverkehr schneller und sicherer machen. So galt das Interesse der hydrografischen Dienste ab 1720 vor allem der Vermessung von „Untiefen“, also jener Riffe und Sandbänke, an denen ganze Flotten zerschellt waren. Erst 1876 gelang britischen Forschern der Nachweis, dass selbst in großen Wassertiefen vielfältiges Leben exisitiert. Und das deutsche Forschungsschiff „Meteor“ revidierte 1927 die allgemeine Vorstellung, dass die Wassermassen der Ozeane regellos in ihren Becken schwappen. All dieses Wissen bleibt allerdings abstrakt.

Erst die Reliefkarten des österreichischen Künstlers Heinrich C. Berann krempelten Anfang der Siebzigerjahre unsere Vorstellung vom Meeresgrund um. Sie sehen aus, als hätte man die Meereswannen leer laufen lassen; und plötzlich treten die steilen Kanten der Schelfmeere und Gebirgsrücken hervor, die Tiefseegräben und vulkanischen Zapfen, die sich viele tausend Meter über dem Grund erheben. Die spektakulären Ansichten sind jetzt im „Weltatlas der Ozeane“ (Frederking & Thaler, München 2002. 264 Seiten. 49 Euro) neu aufgelegt worden, wobei sie eigentlich nur ein noch exakteres Kartenwerk ergänzen: den „General Bathymetric Chart of the Oceans“. Er ist das Resultat der weltweiten Bemühung, das Meer als ein Territorium zu begreifen, das niemandem gehört und doch von allen benutzt wird. Vielleicht wächst das Bewusstsein von dessen Schutzwürdigkeit durch einen Ozean-Atlas automatisch. Denn man begreift, dass ein leckgeschlagener Tanker nicht unsichtbar gemacht werden kann, indem man ihn von der Küste wegschleppt. Er liegt jetzt nur tiefer: auf der Galica Bank.

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