Das Melt-Musikfestival : Optimiere dich selbst

Der Konsument als Produzent: Das Melt-Musikfestival in Ferropolis führt ins Herz der Biopolitik. Das Event berichtet in Blogs gleich über sich selbst.

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Keine Angst vor Berührungen. Festivalbesucher posieren für das Kunstprojekt „naked heart“ des Fotografen Gerrit Starczewski.
Keine Angst vor Berührungen. Festivalbesucher posieren für das Kunstprojekt „naked heart“ des Fotografen Gerrit Starczewski.Foto: Jens Schlueter/ddp

Die erste Neuerung, die dieses Jahr ins Auge sticht, sind die Leute in blauen T-Shirts mit Festival-Logo auf der Brust und der Aufschrift auf dem Rücken: „Ich bin freiwillig hier!“ Freiwillig? Wer wäre denn nicht freiwillig hier? Die Musikliebhaber, die aus Schweden und Schottland anreisen, weil das Elektro-Festival bei Dessau mit seinem ausgesuchten Programm europaweit als Geheimtipp gilt? Die Künstler, die vom stilsicheren Publikum schwärmen und von der einzigartigen Atmosphäre unter den alten Förderbaggern des Industrieparks Ferropolis? Oder die Journalisten, die neueste Entwicklungen aufspüren und Poptheorien spinnen wollen? Wir sind doch alle freiwillig hier.

Doch den „Melt Volunteers“, die Flyer verteilen und Besuchern den Weg zeigen, muss man das wohl extra auf den Rücken schreiben. Sie sind Studentinnen, Auszubildende, Dauerpraktikanten, das Fußvolk der Kreativindustrien. Sechs Stunden arbeiten sie hier täglich, Festivalticket und Verpflegung sind ihnen Bezahlung genug. Der größte Lohn scheint allerdings im Versprechen des Dabeiseins zu liegen. Teil des Events zu sein, nicht als Konsument mit Campingticket, sondern als Produzent mit Schlafplatz nahe bei den Bühnen am See.

Die Digitalisierung hat das Bedürfnis nach geteilten, „echten“ Erfahrungen befeuert, heißt es immer, wenn es um den boomenden Livemusikmarkt geht oder um Public Viewing zur WM. Doch warum ist jenes Gefühl des Dabeiseins so wichtig geworden? Die Logik der Berichterstattung verlangt es, dieses Gefühl zu reproduzieren, indem die Höhepunkte des Wochenendes nacherzählt werden. Etwa das Set des Kritikerlieblings Kode 9 auf der Strandbühne am Samstagmorgen; die vornehme Show der New-Order-Epigonen Hurts aus Manchester, Schnösel im Anzug mit Opernsänger; die lässig-verspulte Show von Rapper Dendemann; oder jene neue mediale Live-Erfahrung in der Show von Chris Cunningham, dessen Musikvideos für Aphex Twin oder Björk aus den Neunzigern sich ins Pop-Gedächtnis eingebrannt haben, auf drei Bildschirmen, angeordnet wie die Flügel eines Altars.

Nun ist das Pressebüro des Festivals voller Berichterstatter, die in Blogs, Fotos und Videos umgehend online stellen, was passiert, und das Gefühl des Dabeiseins nach draußen tragen. So schafft sich das Event seine eigene Berichterstattung. Was bleibt da dem Kulturreporter? Viele Feuilletonleser dürften die Melt-Musiker ohnehin kaum kennen. Und: Sind Spezialfragen wie jene, ob The XX mit ihrem entschleunigten Mitternachts-Set auf die Hauptbühne passten oder nicht, wirklich relevant?

Popkritik ist ins Hintertreffen geraten. Seit bald drei Jahren diskutiert sie intensiv ihr Relevanzproblem. Bevor die Musik über das Internet direkt vom Künstler zum Hörer kommen konnte, durfte der Kritiker mitentscheiden über die Abwertung etablierter und die Durchsetzung neuer Künstler. Heute, wo der Musikkonsum sich vom Tonträger gelöst hat und im Live-Ereignis aufgeht, bleibt nur das Hinterherrennen. So entstehen Texte, die immer neu die Konsumentenperspektive fortschreiben. Dabei geht es vielleicht gerade um die Ablösung vom Urteil über gut und schlecht.

Popfeuilleton im Live-Zeitalter könnte vor allem zweierlei leisten: Ökonomiekritik und Ethnografie. Es ist nicht selbstverständlich, dass 20 000 Menschen Tagesreisen unternehmen, um sich an einem bestimmten Ort eng zusammenzudrängen. Warum wird so ein Event geschaffen – und wie? Anders gefragt: Würde ein Ethnograf vom Jupiter im Industriemuseum Ferropolis landen – was würde er wahrnehmen?

Zunächst einmal: Musik. In einer Lautstärke, die direkt auf den Körper zielt und weitere Fragen überflüssig machen könnte. Beim Anblick der wippenden Körper und gereckten Hände würde der Ethnograf instinktiv verstehen, worum es geht. Es sind die sozialen Funktionen von Musik, wie sie der Musikethnologe Alan P. Merriam 1964 aufstellte, darunter, neben Gefühlsausdruck, Unterhaltung und ästhetischem Wohlgefallen: Kommunikation; das Aushandeln sozialer Normen; und die Überprüfung sozialer Institutionen und Rituale.

Festivals sind Experimentierfelder. Ausnahmezonen, freie Spiele, in denen die Ordnung außer Kraft gesetzt, hinterfragt und letztlich vielleicht auch wieder bestätigt wird. Hier werden Inszenierungsspielräume erprobt, Geschlechterverhältnisse hinterfragt, vielleicht sogar neue Subjektentwürfe geschaffen. Dieses Jahr bestätigt sich, nur als Beispiel vom Rande, der Trend zum ausdefinierten weiblichen Oberarm. Kraftspielchen finden statt, in denen die Freundin den Freund auf die Schulter nimmt. Dann sind da wieder die zahlreichen Masken und Tierkostüme, die sich als Verabschiedung des rationalen, verantwortungsvollen Subjekts lesen lassen.

In einer Gesellschaft, die sich am Fortschritt orientiert, wird in solchen Großritualen die Zukunft verhandelt. Es sind die (künftigen) Modedesignerinnen, die zum Melt-Festival kommen, die Artdirektoren und die DJs, vielleicht auch die Teamleiter und Unternehmensberater, Trendsetzer jedenfalls. Einzelne erleben hier ihre je eigenen Grenzüberschreitungen – und arbeiten damit im Kleinen auch an jenen der Gesellschaft. Hier wird erprobt, was in zehn Jahren vielleicht normal ist. Misslungen wäre nur ein Festival, bei dem man schon im Vorhinein weiß, was einen erwartet.

Dem Ethnografen würde besonders die Überpräsenz von Kameras ins Auge stechen. Fünf Kameramänner drängen sich beim Konzert von Blood Red Shoes um die beiden Musiker. Das Publikum betreibt derweil die Selbstinszenierung mit Digitalkameras. Jede Erfahrung wird sofort weiterverwertet.

Poptheoretiker Diedrich Diederichsen hat in einem Aufsatz für den neuen Sammelband „Kapitalistischer Realismus“ skizziert, wie die „Intensitätskultur“ der Hippies und später der Punks gegen eine repressive Gesellschaftsordnung antrat, die sich vor allem um Selbsterhaltung drehte. Und wie sich die Ökonomie heute jener Ideale der (Selbst-)Verschwendung bemächtigt hat, um jeden festen Rahmen zu überschreiten, wie in der Finanzwirtschaft. Damit ließe sich das Musikfestival als Modell einer Gesellschaft verstehen, in der sich klare Ordnungen und Verantwortungen auflösen zugunsten ständiger Überbietung. Die gesteigerte Aufmerksamkeit lädt die Momente zusätzlich auf, potenziert sie – verwandelt sie damit aber in Ansammlungen von Potenzial, dessen Erfüllung sie auf ungewisse Zeit hinauszögert.

Events wie das Melt, auf denen die kreative Klasse sich selbst feiert, sind nicht mehr Orte einer Gegenkultur wie einst Woodstock. Sie sind vielmehr Biopolitik im Sinne Giorgio Agambens. Man arbeitet hier an der eigenen Präsenz und am sozialen Status, an der Pflege des Körpers und des kulturellen Kapitals, kurz: an der Selbstoptimierung. Es geht um die Distribution und Bestätigung von Wissen, des Wissens um die richtige Sonnenbrille, den richtigen Luftballon-Haarschmuck, und, ja, die richtige Musik. Es geht nicht mehr nur darum, sich lebendig zu fühlen. Es geht darum, seine Teilhabe zu sichern und unter Beweis zu stellen. Es geht nicht ums Aussteigen, sondern ums Mitwirken an der Produktion.

Das muss nicht schlimm sein. Problematisch ist nur, wenn man an einem Ort, an dem der einzige signifikante Gewinn von der Getränkeindustrie erzielt, wird, die eigene Selbstausbeutung zum Selbstausdruck verklärt. „Wir sind freiwillig hier!“ Da klingt der Zweifel schon mit.

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