Kultur : Das Menetekel

Der erste deutsche Völkermord vor 100 Jahren: Wie die Nazis den Krieg gegen die Herero als Vorbild sahen

Hans Doderer

Der Holocaust überschattet wie nichts sonst die deutsche Geschichte im 20. Jahrundert. Doch dieses Jahrhundert begann bereits mit einem bis vor kurzem fast vergessenen Völkermord.

Vor zwei Wochen gedachte auch die Bundesregierung des am 12. Januar 1904 in der deutschen Kolonie Südwestafrika ausgebrochenen Aufstands der Herero gegen die fortschreitende Enteignung ihrer Lebensgebiete (vgl. Tsp. vom 12. 1.) Es war die verzweifelte Erhebung eines Nomadenvolks, der mehr als 120 deutsche Siedler (keine Frauen und Kinder und keine Missionare) zum Opfer fielen. Die deutsche Öffentlichkeit im Reich und in der Kolonie verlangte darauf in einem Sturm der Entrüstung eine gnadenlose Bestrafung der Eingeborenen. „Die Deutschen sind erfüllt von einem furchtbaren Hass und schrecklichen Rachedurst, ja ich möchte sagen: Blutdurst gegen die Herero... Mir graut, wenn ich an die nächsten Monate denke" , schrieb ein besorgter Missionar an seine Zentrale in Barmen.

Kaiser Wilhelm II. betraute General Lothar von Trotha mit dem Oberbefehl über die entsandten Truppen. Der General setzte nur auf eines: „Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut.“

Trotha kesselte die Herero mit Frauen, Kindern und ihrem Vieh am Waterberg ein und zwang sie am 11. August 1904 zum Kampf. Als es den Herero gelang auszubrechen, befahl der General, sie in die Wüste Omaheke zu treiben. Am 3. Oktober ließ er mehrere Herero-Häuptlinge öffentlich aufhängen. Seinen Soldaten befahl er, alle Männer, derer sie habhaft werden konnten, sofort zu erschießen, Frauen und Kinder aber weiter in die Wüste zu treiben, damit sie dort verdursteten. Der Chef des deutschen Generalstabes, Graf von Schlieffen, begründete unterdes in einem Brief an den Reichskanzler von Bülow den geplanten Völkermord: „Dass er (von Trotha) die ganze Nation vernichten oder aus dem Land treiben will, darin kann man ihm beistimmen... Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung einer Partei abzuschließen.“

Der deutsche Generalstabschef bezeichnet den Krieg gegen die Herero als „Rassenkampf“ und nennt als Ziel die „Vernichtung“. Beides offenbart ihn als Anhänger der um die Jahrhundertwende modern gewordenen darwinistischen Weltanschauung. Kern dieser Philosophie war die Vorstellung vom Kampf aller gegen alle als einem Mittel der natürlichen Auslese. Für die deutschen Siedler war dabei ihre Herrenstellung – wie für alle europäischen Kolonialisten – eine Selbstverständlichkeit. Auch der „Deutsche Kolonialbund“ bestand auf der Forderung „Jeder Farbige hat einen Weißen als höheres Wesen zu betrachten". Die Aufständischen, Angehörige einer „minderwertigen“ Rasse, hatten dieses Gebot gröblich verletzt, also war man nun berechtigt, sie in einem Gegenschlag zu „vernichten“.

Darauf boten sich den Verfolgern grauenhafte Bilder. Der Weg der Flüchtenden war gesäumt von den Leichen bis aufs Skelett abgemagerter, verdursteter Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, und an den ausgetrockneten Wasserlöchern türmten sich Haufen verendeter Rinder.

Der junge Kaiser Wilhelm II. hatte einst in seiner Thronrede am 22. November 1888 das Ziel der deutschen Kolonialpolitik noch folgendermaßen umrissen: „Unsere afrikanischen Ansiedlungen haben das Deutsche Reich an der Aufgabe beteiligt, jenen Weltteil für christliche Gesittung zu gewinnen.“ Es waren die Missionare und schließlich der Reichskanzler Fürst von Bülow, die jetzt im Jahre 1904 den Kaiser an das edle Vorhaben erinnerten und ihn darauf aufmerksam machten, dass Trothas und Schlieffens Vernichtungskrieg – wie Bülow es formulierte – im „Widerspruch mit allen Prinzipien des Christentums und der Menschlichkeit“ stand. Am 12. Dezember 1904 erhielt daher von Trotha den „Allerhöchsten Befehl“, den begonnenen Genozid abzubrechen und zumindest „den sich ergebenden Hereros Gnade zu gewähren“.

Der General aber fügte sich nur widerstrebend. Keinesfalls wollte er den Vorschlag der Missionare annehmen, den Herero die Rückkehr in ihre Heimat zu gestatten. Auch der Kanzler war hier der gleichen Ansicht und schlug die Errichtung von „Konzentrationslagern“ vor. Der Begriff stammte von den Engländern aus dem Burenkrieg.

An zentralen Punkten der Kolonie wurden nun Sammellager eingerichtet. Sie erwiesen sich als ein weiteres Mittel zur Vernichtung. Unterernährung und mangelnde Hygiene begünstigten tödliche Seuchen. Der ganze Krieg dauerte von Januar 1904 bis März 1907. Zehntausende „Eingeborene“ mussten in ihm ihr Leben lassen. Und bereits 1905 erließ der Gouverneur der Kolonie ein Verbot von Ehen zwischen Europäern und Afrikanern. Selbst bereits bestehende Ehen wurden für nichtig erklärt. Im Sinne des Gesetzes galt als Afrikaner, wer irgendwann in seiner Ahnenreihe einen Farbigen aufwies. Sexuelle Beziehungen zwischen Deutschen und Schwarzen galten als „Verbrechen gegen die Reinerhaltung der deutschen Rasse und deutscher Gesittung“.

Im Jahr 1909 veröffentlichte der Wirtschaftswissenschaftler Moritz Julius Bonn, der 1933 vor den Nazis ins Exil flüchten musste, einen Aufsatz zum darwinistischen Kampf gegen die Herero: „Solange es (...) noch Leute gibt, die eine solche Politik für die naturnotwendige halten, besteht die Gefahr, dass sie auch einmal an anderen Stellen zur Anwendung kommen könnte. Wenn die Fehler der Trothaschen Kolonialpolitik sich theoretisch verklären lassen, dann wird uns nichts vor ihrer Wiederholung schützen.“

Die Wiederholung erfolgte dann in ungeahntem Ausmaß, mitten in Europa. Das „Rassenpolitische Amt“ in Berlin hatte dabei die Gesetze der ehemaligen Kolonie 1940 als vorbildhaft erklärt.

Der Autor lebt als Historiker in Idstein.

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