Kultur : Das Messer des Erzählers

Lektionen der Liebe: Neue Geschichten von David Grossman

Jörg Plath

Unter dem Stichwort Liebe könnte man wohl alle Bücher von David Grossman versammeln, die literarische Prosa ebenso wie die politische, mit der er sich seit Jahren für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. Bei dieser Liebe handelt es sich nicht so sehr um das landläufig darunter verstandene Gefühl, sondern um das Wunder einer umfassenden, umstürzenden Annäherung von Fremden. Der junge Israeli Momik in Grossmans Roman „Stichwort: Liebe“ (1991) etwa versucht, die wirren Erzählungen seines im KZ wahnsinnig gewordenen Großvaters zu verstehen. In „Sei du mir das Messer“ (1998) treibt Liebe den braven Familienvater Jair nicht etwa zum Seitensprung, sondern an den Schreibtisch: Er schreibt furiose, rückhaltlos offene Briefe an eine fremde Frau. Liebe, Erzählen und Wahrheit bilden bei Grossman eine untrennbare Trias.

Dass auch verschmähte Liebe ein mächtiges Motiv des Erzählens ist, zeigt das neue Buch des 1954 geborenen Israeli. „Das Gedächtnis der Haut“ enthält zwei Novellen, in denen jeweils ein Mensch einem anderen von einer Liebe erzählt, die nicht ihm oder ihr, sondern einem Dritten gilt. In „Raserei“ fährt Esther ihren verletzten Schwager Schaul mit dem Auto zu einem unbekannten Ort. Sie sind sich fremd, doch Schaul entfährt bald, worum seine Gedanken ausschließlich kreisen: dass ihn, wie er ohne jeden Beweis glaubt, seine Ehefrau Elischeva seit Jahren betrügt. Er erzählt Esther von den angeblichen Schäferstündchen mit einem gewissen Paul, als wäre er jedesmal dabei gewesen. So leidenschaftlich fallen die Schilderungen der nicht ihm geltenden Leidenschaft aus, dass in der anfangs schockierten Esther Erinnerungen an einen beinahe vergessenen Liebhaber wach werden. „Erzähl es mir“, bittet sie daher Schaul mehrmals. Am Ende ist er erstmals fähig, seine Eifersucht zu relativieren und will ihre Geschichte hören.

Ebenso versöhnlich endet die Titelerzählung, in der die Schriftstellerin Rotem ihrer todkranken Mutter Nilli eine eigene Erzählung vorliest. Sie handelt von der Begegnung der Yogalehrerin und Seherin Nilli mit einem Jugendlichen vor 15 Jahren. Als der Heranwachsende nach einigen Tagen verschwand, geriet Nilli in eine schwere Krise. Rotem hat nie erfahren, was damals zwischen beiden geschehen war. Ihre literarische Erfindung ist, das zeigen ihre Gedanken und die Gespräche mit Nilli, die die Lesung immer wieder unterbrechen, ein glückliches Spiegelbild des zerrütteten Verhältnisses von Mutter und Tochter: Der Jugendliche vertraute sich jener Nilli rückhaltlos an, deren Kind sie stets zurückstieß. Je länger Rotem vorliest, desto mehr freundet sie sich mit der erfundenen Gestalt des Jugendlichen an, und am Ende dankt ihr Nilli, dass sie miteinander „geredet haben“.

Zwei Novellen also über die heilende Kraft des Erzählens? Zwei Plädoyers für angewandte Gesprächstherapie? Grossman wäre nicht der wunderbare Autor, der er ist, wenn er lediglich einen 314-seitigen Beipackzettel zum Vademecum „Kommunikativ-kurative Funktion literarischer Einbildungskraft“ verfasst hätte. Beide Geschichten sind Beichten voll unglaublicher Intimität. Sie bieten in einer atemlosen, die innere Spannung wiedergebenden Sprache stupende Einsichten in die menschliche Psyche. Sie sind zeitgemäß fragmentiert und doch fesselnd. „Raserei“ enthält zudem noch eine dritte Erzählebene: einen Tagtraum von Schaul, in den sich die Eifersucht, je mehr sie Esther gegenüber enthüllt wird, wie in ein uneinnehmbares Reservat zurückzieht.

All das hilft jedoch über das süßliche Finale beider Novellen nicht hinweg. Schon der Briefroman „Sei du mir das Messer“ zeigte ein großes Bedürfnis nach Harmonie, was angesichts der Lage in Israel gewiss verständlich ist. Doch mit welcher Intelligenz, mit welchem literarischen Horizont, mit welch sinistrer Bosheit unternimmt Grossman dort die erzählende Integration des Bösen und Hässlichen! Verglichen mit diesem Roman handelt es sich bei „Das Gedächtnis der Haut“ um zwei Petits Fours.


Dieses Buch bestellen David Grossman : Das Gedächtnis der Haut. Zwei Novellen. Aus dem Hebräischen von Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling. Carl Hanser Verlag. München 2004. 320 S., 21,50 €.

Der Autor hält einen Vortrag im Rahmen der Berliner „Mosse-Lectures“: am 26.November um 19 Uhr im Senatssaal der Humboldt-Universität, Unter den Linden 6.

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