Kultur : Das metaphorische Holztor

STEFFEN BURKHARDT

Fundstücke: Ausstellung von Maria Serebriakova im Neuen Berliner KunstvereinVON STEFFEN BURKHARDTWas macht das Tor einer französischen Scheune in Berlin, noch dazu im Ausstellungsraum des Neuen Berliner Kunstvereins?Während eines Frankreichaufenthalts entdeckte die russische Künstlerin Maria Serebriakova das Holztor und beschloß, daraus ein Kunstwerk zu schaffen.Nun liegt es - an einer Ecke abgestützt auf einer Gipskugel, durch deren Oberfläche Wortfetzen einer russischen Tageszeitung schimmern - im Ausstellungsraum des NBK und soll dort den Betrachter zum Nachdenken anregen.Die Einbettung gefundener Gegenstände in ihre Arbeiten ist typisch für die Vorgehensweise Serebriakovas: Durch assoziative Intervention enthebt sie die Fundstücke ihrer Funktion und legt die metaphorischen Merkmale frei, die ihnen innewohnen.Das Holztor ist nicht mehr Teil einer französischen Scheune, sondern Teil einer Ausstellung, die dem Betrachter sagt: "Sieh mich an!" Die Augen der Künstlerin haben das Scheunentor entdeckt - sie hat es zuerst gesehen.Doch Sehen heißt Wissen, und wer wissen will, kommt um das Denken nicht herum.Also, worin liegt die gleichnishafte Dimension eines Holztores? Ein Tor ist Teil einer Fassade, die etwas verbergen soll.Was sie verbergen soll, bleibt zunächst der Assoziation des Betrachters überlassen.- Zunächst.Fassaden sind vergänglich, beginnen mit der Zeit zu bröckeln.Das Material des von Serebriakova entdeckten Gegenstands erweist sich als sinnvoll: Ebenso vergänglich wie eine Fassade ist Holz, das mit der Zeit morsch wird und zu faulen beginnt.Gestützt wird das Holztor nun von der Kugel, die nicht aus allen Perspektiven des Ausstellungsraumes zu sehen ist, die also - je nach Standpunkt des Betrachters - verborgen bleibt.Nun lassen sich alle Kunstwerke in einer Weise deuten, die über die subjektiven Assoziationen des Betrachters hinausgehen.Ist die Formensprache Serebriakovas Zufall? Warum verwendet sie keinen Quader oder irgendeine andere Form, sondern ausgerechnet eine Kugel als Stütze? Die Kugel ist eine in sich geschlossene dynamische Form.Sie ist formgewordene Bewegung, die mehr ist als nur Stütze.Nun hätte die Künstlerin die Kugel ausschließlich aus Gips formen können.Indessen scheinen durch die Oberfläche der Gipskugel Artikel einer russischen Tageszeitung hindurch, deren Papier ebenso vergänglich ist wie das Tor, das von ihr getragen wird.Getragen wird? Die unter das Tor gerollte Kugel, der dynamische Ball aus Zeitungen, trägt nicht nur die Fassade, sondern ermöglicht dem Betrachter einen Blick unter die Holzfläche.Es bleibt dem Sehenden überlassen, inwieweit für ihn der Zeitungsball ein die Fassade tragendes oder ein das Dahinterblicken ermöglichendes Element ist.Ihr Werk "Fassade" hat die 1965 in Moskau geborene Künstlerin, die in Deutschland unter anderem auf der "documenta" ausgestellt hat, in eine Gesamtkonzeption aus Fotografien, Zeichnungen, Collagen und weiteren dreidimensionalen Objekten eingebettet.Darunter auch eine Rauminstallation, als deren Basis eine Art Heizkörper fungiert.Vom Heizkörper aus beschreibt eine Anordnung von Rohren eine rechteckige Wandfläche, die zugleich ein offenes und ein in sich geschlossenes energetisches Feld darstellt, das auf den Bereich des Transzendenten verweist.Auch in anderen Objekten wird Serebriakovas Auseinandersetzung mit einer Realitätsebene deutlich, die auf hinter den Erscheinungen liegende Qualitäten zielt: Etwa in ihren Fotocollagen, in denen sie - gefundene - Naturbilder auf transparentem Grund über alte Fotografien von Menschen klebt.Oder in einer abstrakten Installation, die sich mit dem Horizont als der Grenze zweier Sphären beschäftigt.Die Entdeckungsreise in die poetisch-metaphorische Welt der Maria Serebriakova, der es gelingt, die Mystik traditioneller russischer Kunst mit Elementen des Moskauer Konzeptualismus zu verknüpfen, lohnt sich: Man lernt sehen. Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128/129, bis 26.April.Katalog 28 DM.

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