Kultur : Das Millionenspiel

Hopper, Warhol, Close: Die Auktionen für „Contemporary Art“ bei Sotheby’s und Christie’s in New York brachen alle Rekorde

Matthias Thibaut

Klassik ist Trumpf. Selbst in der zeitgenössischen Kunst, die in New York diese Woche mit triumphalen Ergebnissen versteigert wurde. Zumindest bei Christie’s, wo sich amerikanische Sammler regelrecht Schlachten um Gemälde von Hopper, de Kooning, Rothko, Guston, Johns und Warhol lieferten. Sotheby’s hatte am Abend zuvor etwas zu viel Vertrauen in jüngere Kunstproduktionen gesetzt und es bei einem eher soliden Ergebnis belassen.

Über ein „Sternenereignis“, freute sich dagegen Christopher Burge, Auktionator bei Christie’s und eigentlich ein nüchterner Engländer. Der Abend spielte rund 40 Millionen Dollar mehr ein, als geschätzt waren, die Gesamteinnahme von 133 Millionen Dollar schlug alle Rekorde in diesem Segment und lag fast auf Augenhöhe mit der Impressionistenauktion der vergangenen Woche. Vor allem amerikanische Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist zum Lieblingskind steinreicher Hedge-Fonds-Manager geworden  –  derer, die Franz Münteferings „Heuschrecken“-Schwärme anführen.

Doch nicht nur Amerikaner sind gefragt: Andreas Gurskys Cinemascope-Format  „May Day IV“ war schon wegen seiner Ausmaße rekordverdächtig. Mit über fünf Meter breitem Rahmen schmückte die Arbeit 2001 den Katalog seiner Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art. Das bis in den letzten Winkel gleichmäßig ausgeleuchtete Dokument einer Techno-Party löst sich bei genauem Hinsehen, dank der körnig digitalisierten Details, in eine  formalistische Struktur auf. Mit 632000 Dollar erzielte es einen neuen Höchstpreis für Gursky. Aber bei 25 Rekorden in zwei Abendauktionen, in denen 52 von 125 verkauften Losen mehr als eine Million einbrachten, war das nicht mehr als ein Nebenereignis.

Für herausragende Bilder werden bereitwillig Top-Dollars geboten, wie die New Yorker Händler sagen, aber noch nie haben sich Sammler und Händler in der Kunstszene dermaßen kritisch beäugt. Daher wurde gerade im Spitzenbereich vernunftbetont geboten – so seltsam das bei diesen astronomischen Preisen klingen mag. Edward Hoppers „Chair Car“ bei Christie’s zum Beispiel wurde wie erwartet zum Los der Woche. Ein Telefonbieter erhielt nach zügigem Gefecht für 14 Millionen Dollar den Zuschlag und ließ sogleich im Saal seine Identität verkünden: die Manhattan-Kunsthandlung Berry Hill. Angesichts der Rarität eines so großen Hoppers erschien der Preis angemessen – Christie’s hatte rund 15 Millionen Dollar erwartet.

Auch Sotheby’s Spitzenlos wurde exakt an der oberen Taxe verkauft und nicht darüber. Der Londoner Juwelier Laurence Graff, als weltführender Händler mit lupenreinen Superdiamanten buchstäblich steinreich geworden, stellt sich zurzeit eine private Kunstsammlung zusammen und sicherte sich dafür Warhols „Liz“ für 12,6 Millionen Dollar. Verkauft wurde sie von dem kalifornischen Kunsthändler Irving Blum, der sie 40 Jahre bei sich zu Hause hängen hatte – auch das zeigt, was für ein Klassiker Warhol geworden ist.

Fundament der Auktion bei Christie’s waren 13 amerikanische Altmeister, die von einem philanthropischen Sammlerpaar dem „Jewish Communal Fund“ überlassen wurden und nun 44,2 Millionen Dollar für wohltätige Zwecke brachten: Allein Willem de Koonings „Sail Cloth“ von 1949, dem Jahr, in dem de Kooning seinen Durchbruch als amerikanischer Abstrakter schaffte, erzielte13,1 Millionen Dollar.

Aus einer anderen Sammlung kam das abstrakte Gemälde „The Street“ von Philip Guston. Der Rekordpreis mit 7,3 Millionen Dollar lag fast fünf Millionen Dollar über dem bisherigen Höchstpreis. Die Bronze „Der Kritiker sieht“ von Jasper Johns brachte 3,9 Millionen Dollar, und für eine Abstraktion auf Papier des Armeniers Arshile Gorky zahlte Stargalerist Larry Gagosian 2,8 Millionen Dollar.

Der zweite Erfolgsblock bei Christie’s waren die neuen Superstars: Für Luc Tymans’ Ölgemälde „Skulptur“ verdreifachte David Zwirner, der New Yorker Galerist des Künstlers, den bisherigen Rekordpreis auf 1,4 Millionen Dollar. Einen nicht weniger erstaunlichen Sprung machte Elizabeth Peytons Porträt von John Lennon , das für 800000 Dollar verkauft wurde – das Fünffache des bisherigen Auktionsrekordes. Doch die Windrichtungen ändern sich schnell: Kunst von Maurizio Catellan, bis vor kurzem noch ein fast unfehlbarer Erfolg, floppte. Ebenso wie dann bei Sotheby’s die in den letzten Jahren schwindelerregend teuer gewordenen Bilder von Marlene Dumas.

Auch bei Sotheby’s sah man, dass die Figuration die bevorzugte Ausdrucksform der aktiven Sammlergeneration geworden ist. Heiß umkämpft war etwa Roy Lichtensteins „Blue Nude“, die bei Gianni Versace über dem Sofa hing und zwei große Themen des Künstlers verbindet: Interieur mit Spiegel und Frauenakt. Ein europäischer Sammler bekam bei 5,3 Millionen Dollar den Zuschlag. Eine noch größere Rarität war Chuck Closes fotorealistisches Großformat „John“ – das für 4,8 Millionen Dollar eher maßvoll zugeschlagen wurde. Was einmal mehr deutlich macht, dass Sammler wie die Lemminge sind, die sich vor allem an das Beispiel der anderen halten.

Sensationell waren weniger die Höchstpreise als der Appetit der Käufer. Marktbeobachter hatten befürchtet, die Kataloge mit ihrem beispiellos dichten Angebot würden den Markt überfordern. Doch der Hunger ist nicht gestillt – jedenfalls nicht nach den drei, vier Dutzend Namen, die der Markt als Stars am Kunstfirmament aufhängt hat.

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